Mose: 3 glanzvolle Stationen im Buch Exodus

„Einigkeit und Recht und Freiheit” – immerhin so viel kann ich als Auslandschweizer aus der Nationalhymne hierzulande auswendig zitieren. Natürlich wünsche ich das ebenfalls allen Menschen von Flensburg bis Konstanz (und weiter bis Lugano und überhaupt um den Globus). Klar, kein Volk hat die drei immateriellen Güter für sich gepachtet. In umgekehrter Reihenfolge begegnen sie uns schon in einem uralten Text namens Exodus (auch 2. Buch Mose genannt). Wenn also jemand hier ein Patent anmelden dürfte, dann das antike Israel bzw. deren Gott: Drei Meilensteine markieren da – zwischen einer berühmten Pflanze (Kapitel 3) und einem berüchtigten Tier (Kapitel 32) – die erste Wegstrecke eines eigentlich chronisch überforderten Mannes.

1. Freiheit: “So rettete der Herr an diesem Tag…”

Der dramatische Höhepunkt wird bereits in Kapitel 14 mit dem Meerwunder erreicht: Mose streckt seine Hand aus und das Wasser teilt sich eine Nacht lang – so dass die Israeliten trocken und unversehrt hindurchgehen können, die Armee des Pharaos jedoch bei Tagesanbruch den zurückkehrenden Fluten zum Opfer fällt (Verse 21-31). Zu spät erkennen die ägyptischen Kämpfer, dass auf der Seite Israels ein Gott steht, der für die Befreiung ausgebeuteter Menschen zu allen Mitteln greift. Die Furcht vor dem Herrn bleibt dabei auch bei den Geretteten zurück, aber gleichzeitig ist auch von Vertrauen zu ihm und zu Mose die Rede. Und das steht ziemlich im Kontrast zu der Situation beim Heranrücken des Heeres!

Zunächst wird da nämlich vor allem geschrien und geschimpft – doch dann antwortet Mose darauf (V. 13-14): “Habt keine Angst! Wartet ab und seht zu, […] wie die Ägypter ihre größte Niederlage erleben. Der Herr wird für euch kämpfen, ihr selbst braucht gar nichts zu tun.” Was für Worte! Wieviel Minuten die Wartezeit wohl betrug? Gefühlt war es wohl eine Ewigkeit. Wie auch immer – Mose ist hier definitiv über sich selbst hinausgewachsen, das Wunder beginnt bereits hier. Eine heilige Disziplin macht sich breit, alle Bedrohung verliert ihre einschüchternde Wirkung. Zuviel Unrecht an Jakobs Nachkommen ist geschehen – und tatsächlich ist nun die Stunde der göttlichen Wende endgültig gekommen.

2. Recht: “Mach dir die Last leichter…”

In Kapitel 18 wird Mose durch den Besuch des Schwiegervaters wieder mit seiner Familie zusammengeführt. Sein Privatleben verbessert sich aber auch dank eines weisen Ratschlags (Verse 17-23): Eigentlich ist es ja ein schönes Zeichen, dass die Israeliten sich nun nicht mehr (wie unter dem Pharao) alles gefallen lassen müssen. Die Kehrseite davon ist aber, dass Mose nun ständig mit Streitfällen belästigt wird. Er selbst kommt von sich aus offenbar nicht auf die Idee, ein Team aufzubauen und zu delegieren. Wie gut also, dass er von seinem Schwiegervater diesen Tipp bekommt und entsprechend handelt!

Ja, Hören macht den Unterschied. Hier also – zwei Kapitel vor den Zehn Geboten – sind die strukturellen Anfänge der israelitischen Justiz erzählerisch prägnant verortet. Gerechtigkeit dreht sich offenbar nicht nur darum, was inhaltlich zu tun ist und was nicht, sondern ganz primär auch um die Frage, wer sie durchsetzt (V. 14): “Was machst du dir da für eine Mühe? […] Musst du das alles alleine tun?” Mose soll zwar die Entscheidung Gottes einholen, aber er tut es als Mensch in aller Begrenztheit. Und indem er diese eingesteht und annimmt, schafft er die wohl wichtigste Voraussetzung dafür, dass sein Beitrag wirklich Ungerechtigkeit vermindert und nicht etwa noch vermehrt. Selbstbegrenzung ist nicht nur für ihn eine Erleichterung, sondern für alle Beteiligten.

3. Einigkeit: “Wir wollen alles gehorsam tun…”

Durch eine Zeremonie mit Steinen und Stierblut in Kapitel 24 bestätigen die Israeliten, dass für sie die Gebote und Gesetze der vorangehenden Kapitel gelten (Verse 3-8). Diese Szene ist gemeint, wenn man vom Bundesschluss am Sinai spricht. Die Verknüpfung mit dem Namen eines Berges stellt allerdings mehr als nur eine geographische Information dar: Zwischen dem Volk unten und seinem Herrn auf dem Gipfel oben besteht sozusagen wörtlich ein Gefälle. Ein starker Gott geht mit schwachen Menschen eine Partnerschaft ein, in der von gegenseitigem Geben und Nehmen eigentlich nicht die Rede sein kann. Und doch wird das gleichzeitig auch relativiert!

Mose darf nämlich hinauf bis in die Wolke der göttlichen Herrlichkeit steigen und zumindest für einen Teil der Höhenmeter eine ganze Wandergruppe als Begleitung mitnehmen (V. 11): “Gott erlaubte den ausgewählten Vertretern des Volkes, in seine Nähe zu kommen […]. Sie durften Gott sehen und aßen und tranken in seiner Gegenwart.” Hallo? Wie weitherzig ist der denn drauf! Ja, vom einmütig bekundeten Gehorsam unten ist bereits acht Kapitel später nichts mehr übrig. Aber die Vereinigung, welche die Volksvertreter miteinander und mit Gott beim gemeinsam Picknick erleben, hat offenbar nachhaltiger durch die weitere Geschichte hindurch gewirkt. Und so dokumentieren etwa die Königsbücher nicht nur die (in Jerusalem genauso wie in Samaria) anhaltende Neigung, den Bund zu brechen, sondern auch die von oben geduldig angebotene (aber nur von Jerusalem genutzte) Möglichkeit, ihn wieder neu zu schliessen.

Ich fühle mich keinem Volk zugehörig – sollte ich?

Es gibt tatsächlich gute Gründe, mit nationaler Identifikation vorsichtig zu sein. Auch ich bin froh, dass es an meiner Schule keinen kollektiven Treueschwur als Morgenritual gab wie in den USA gegenüber dem Sternenbanner. Abwegiger Patriotismus würde mich aber gerade erst recht dazu bringen, mit der Formulierung “one Nation under God, indivisible, with liberty and justice for all” (“eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden”) für mein eigenes oder ein anderes Land zu beten. Und auch mein Handeln richtet sich doch hoffentlich gegen jeden Versuch, eine Gesellschaft zu teilen und Gerechtigkeit nur für die einen und nicht für die anderen zu schaffen.

Manche Staaten versuchten es leider ohne Freiheit (und ohne Gott!) – nach dem zwanghaften Motto: Deins ist meins! Mit der Mose-Erzählung hat das nicht mehr viel gemeinsam. Folgerichtiger führt diese vielmehr genau zum Umgekehrten: Meins ist deins! Bestes Beispiel dafür ist die freiwillige Gütergemeinschaft, die in Jerusalem durch den Glauben an Jesus entstand (Apg 4,32-35). Seither hat es immer wieder solche Ausdrucksformen von Kirche gegeben, auch wenn sie wohl zu jeder Zeit in der Minderheit waren – immerhin! Vielleicht ist ja dieses alternative ‘Volk’ das, wozu du dich am ehesten zugehörig fühlst. Höre also nicht auf zu suchen, bis du diese Menschen findest. Woran du sie erkennst? Sie wollen nicht mehr aus Angst irgendwelche Dinge tun (s. 1) oder durch Alleingänge sich und anderen Mühe bereiten (s. 2), sondern zusammen – ganz natürlich, z.B. beim Essen und Trinken – Gott sehen (s. 3). Und dessen Nähe spreche ich dir schon jetzt auf diesem (meilen)steinigen Weg dahin zu!

Links zum Buch Exodus

Von den Podcast-Serien des Projekts bibletunes gibt es die entsprechende hier zum Herunterladen (je 5-10 min; komplett gesprochener Text + kurzer Impuls). Worthaus bietet einen tiefsinnigen Videovortrag speziell zur Berufung des Mose (52 min). Eine visuell ansprechende Zusammenfassung der gesamten 40 Kapitel liefert wiederum Das Bibel Projekt – hier Teil 1 und Teil 2 (kurze Clips, jeweils unter 7 min). Dieselbe Herkunft hat auch folgendes Themenvideo, das den Sinai-Bund in den gesamtbiblischen Kontext setzt:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre mit Etappe 3 fort und werde so nächsten Monat einen kurzen Artikel zum Buch Levitikus schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Buch Exodus würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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