Macht: 2 steile Abstürze in den Samuelbüchern

„Endlich ist das ******* tot!” rief mein Opa, als ich 6 Jahre alt war. Grund: In der Tagesschau war der hingerichtete Nicolae Ceaușescu gezeigt worden. Doch nicht alle Diktatoren überlebte mein Opa – und so wetterte der sonst eigentlich heitere Mann weiter bis zu seinem eigenen Ende. “Warum ist Saddam Hussein ein *******?” fragte ich. “Das verstehst du noch nicht!” war Opas Antwort. Alle Sechsjährigen kapieren jedoch die wohl bekannteste Geschichte aus den Samuelbüchern: Der einfache Hirtenjunge David bringt mit seiner Steinschleuder den prahlerischen Riesen Goliat zu Fall (Kapitel 17 von 1. Samuel). Moral: Geschieht ihm recht, dem Angeber – ha! Allerdings lohnen sich über David und über Saul, in dessen Dienst jener zunächst steht, noch mehr Lektionen als nur die eine!! Hier möchte ich darum auf zwei weniger bekannte, aber mindestens so zentrale Erzählungen über wahre Stärke hinweisen.

1. Suizid-Springer Saul

Zwei Kapitel vor Goliat – sozusagen auch nur ein Steinwurf entfernt – taumelt es in den eigenen Reihen: Keinem anderen als dem König Saul wird – nach einem verheissungsvollen Anfang (1 Sam 10) – bereits im Kapitel 15 von 1. Samuel das Ende prophezeit. Warum? Auch er gibt gerne an – und zwar mit Kriegsbeute, die er Gott vor versammelter Öffentlichkeit opfern will. Nun ist ja Krieg an sich schon höchst problematisch – und ein Thema, auf das ich vielleicht in einem anderen Blogbeitrag mal eingehen kann. Hier soll es um das spezifische Hauptproblem Sauls gehen: Er verherrlicht die Gewalt noch zusätzlich, indem er ein – vermeintlich gottgefälliges, in Wirklichkeit aber selbstgefälliges – Volksfest daraus macht. Doch das entspricht nicht der Anweisung von ganz oben! Und so lässt Samuel die in diesem Kontext gewaltigste Bombe krachen (V. 22): “Wenn du dem Herrn gehorchst, ist das besser als ein Opfer; und wenn du ihm richtig zuhörst, ist das besser als das Fett von Widdern.” Für einen kurzen Moment denkt man, dass Saul daraufhin bereut, um seiner Beliebtheit willen vor allem auf seine Leute gehört zu haben (V. 24). Doch in seinem Herzen bleibt die (zunächst metaphorisch, aber später auch buchstäblich) suizidale Menschenfurcht stärker als echte Gottesfurcht (V. 30).

Dass diese Thematik geradezu der Schlüssel zum Verständnis der Samuelbücher insgesamt ist, sieht man durch einige positive Kontrastfiguren und den durch sie markierten Aufbau: Ganz am Anfang steht die kinderlose Hanna, die letztlich nicht auf die kränkenden Worte von der Zweitfrau ihres Mannes hört, sondern auf Gottes Segenszuspruch durch den Priester Eli – und so Samuel zur Welt bringt (1 Sam 1). Eli wiederum scheint im Extremfall den Verlust seiner Söhne weniger zu fürchten als den Verlust der (sogenannten Lade, des Symboles für die) Gegenwart Gottes (1 Sam 4). Später, in der Mitte, spricht die schlaue Abigajil das erste prophetische Wort nach Samuels Tod, indem sie sich lieber hinter die Absichten Gottes stellt als hinter diejenigen ihres Mannes (1 Sam 25). Und am Ende bewirkt Rizpa (Nebenfrau Sauls), dass David die gemeinsame Grabesruhe ihrer Söhne mit den anderen getöteten Familienmitgliedern herstellt, indem sie mehr an Gottes Wiedergutmachung zu glauben scheint als an das Rache-Pingpong ihrer Kultur (2 Sam 21).

2. Bungee-Springer David

Auch David gehört zu den positiven Kontrastfiguren – obwohl in seiner Veranlagung der angeberische Saul ebenfalls steckt. Als neuer König lässt er sich jedoch nicht nur – wie bei der Eroberung Jerusalems (2 Sam 5) – zum menschenverachtenden Krakeelen hinreissen, sondern kann auch im Kapitel 15 von 2. Samuel erstaunlich anders. Inwiefern? Als David davor steht, durch einen seiner Söhne vom Thron gestürzt zu werden, stellt er das Schicksal der Stadt(bevölkerung) über sein eigenes: Jerusalem soll der Ort von Gottes Gegenwart bleiben (V. 25-26) und nicht schon wieder zum Kriegsschauplatz werden (V. 14)! Zudem scheint niemand dazu gezwungen zu werden, mit David zu fliehen – ausdrücklich nicht die 600 aus Gat verbannten Ausländer (V. 18-20). Doch deren Anführer Ittai meint (V. 21): “So gewiss der Herr lebt und so gewiss du, mein König, lebst: Du magst gehen, wohin du willst – wo mein Herr, der König, sein wird, da werde ich auch sein, tot oder lebendig!” Offenbar wollen insbesondere diese Fremden um keinen Preis einen Herrschaftswechsel. Woher nur kommt eine solche Loyalität?

Nun, David hat andere Völker nicht nur bekriegt und unterworfen, sondern aus ihnen auch Leute für ehrenvolle Aufgaben rekrutiert – z.B. die “Kreter und Pleter” als Leibwache (2 Sam 8). Eine befriedigende Erklärung ist das für mich jedoch noch nicht. Jetzt wäre doch die Gelegenheit für die Söldner, sich neu zu orientieren und den bisherigen Arbeitgeber fallen zu lassen! Hatten sie womöglich Angst – selbst noch vor dem geschwächten König? Oder empfand Ittai wirklich ungeheuchelte Liebe für David – vielleicht weil er als Verbannter mit dem Schlimmsten gerechnet hatte, aber sicher nicht mit einer so freundschaftlichen und gerechten Behandlung? Zwar war auch das Königtum Davids immer noch eine Folge davon, dass das Volk nicht auf Gottes Wort durch Samuel hören wollte (1 Sam 8). Aber wenigstens förderte es nicht nur das Kriegswesen und die Sklaverei, sondern auch einiges Gottgefälliges: Durchsetzung des Rechts, Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft etc. Und daher kommt wohl die Treue (Gottes und) vieler Leute zu David – sein strapazierfähiges Bungee-Seil sozusagen, dass ihn wieder nach oben brachte.

Ok, aber ich bin kein König – was bringt mir das?

Wir alle haben Macht – manche mehr, manche weniger. Ich z.B. übe sie zur Zeit nicht als Politiker oder CEO aus, aber u.a. als Erzieher meiner Tochter. Die Kleine kann mich nämlich (metaphorisch) durchaus zum Suizid- oder Bungee-Springer machen! Saul-Pädagogik etwa beginnt auch verheissungsvoll, würde mich wegen ihrer Einseitigkeit aber sowas von ungebremst abstürzen lassen: Wenn es mir nämlich nur darum ginge, bei meiner Tochter der Beliebteste zu sein, hätte ich von vornherein verloren (gegen meine Frau sowieso). Frage: Wo willst du Einfluss nehmen und weniger ein Saul sein – auch als Nicht-Erziehende(r)?

Wie auch immer – ich möchte es als pädagogischer David wenigstens versuchen, indem ich meine Tochter sowohl freundschaftlich als auch gerecht behandle: Regeln werden durchgesetzt – aber je weniger das über mein Zwingen geschieht und je mehr über ihre freie Entscheidung, desto besser. Und so wird die Familie wie die Stadt Davids – zu einem Ort, wo Unterschiedlichkeit integriert und dafür auch Opferbereitschaft vorgelebt wird. Vor allem aber soll sie ein Ort von Gottes Gegenwart und Stimme sein, wo das wichtigste Gebot – „Liebe!“ – nicht vorschnell mit „Opfere!“ zu konkretisieren ist, sondern zuerst mit „Höre!“ (wie auch Jesus in Konfrontation mit dem Tempelkult zusammenfasst: Mk 12,28-34). Frage: Welche Bereiche neben der Familie gibt es noch, die du zu einer Stadt Davids machen kannst?

Web-Empfehlungen zu den Samuelbüchern

Vom Projekt bibletunes kann man sich die Podcastfolgen 1. Samuel und 2. Samuel herunterladen (je 5-10 min), welche neben dem komplett gesprochenen Text auch jeweils einen kurzen Impuls beinhalten. Auf bibelwissenschaft.de gibt es einen hilfreichen Überblick über Buch 1 und Buch 2. Und von Worthaus gibt es zur Königskritik Samuels und seiner Nachfolger diesen aufschlussreichen Videovortrag (ca. 45 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Steige doch mit ein und erkunde Etappe 1 mit mir! Ich fahre nun fort mit einem ersten Dutzend Psalmen und werde dazu in ein paar Wochen wieder einen kurzen Artikel schreiben und hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Samuelbüchern würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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