Jesus: 7 Zugangscodes im Matthäusevangelium

Voraussetzungslos ist die Art nicht gerade, wie der Autor Matthäus in seiner Schrift erzählt. Denkt der wirklich, dass man all die Namen, Zitate, Gesetze, Symbole darin kennen sollte? Offenbar ja – und doch will er gerade auch die erreichen, denen noch gar nichts davon vertraut ist. Jedenfalls scheint er fest von einer universalen Lernfähigkeit überzeugt zu sein. Tatsächlich habe ich dank ihm einmal mehr Jesus besser kennengelernt. Diesmal waren es beim Lesen besonders sieben KENNwörter, die für mich ein tieferes Verständnis freigeschaltet haben:

1. Tr@uM

In Kapitel 2, Verse 19-23 würde man es eigentlich nicht mehr für nötig halten, aber bei Josef folgt auf einen bedeutungsvollen Traum (Vers 19) wie auf Knopfdruck gleich der nächste (Vers 22). Dass es einer solchen Hotline in den Extremsituationen davor (Mt 1,20; 2,13) bedarf, mag noch einleuchten – auch bei den Sterndeutern (Mt 2,12). Aber hat Marias Mann nun in Ägypten nicht genügend Zeit, die Situation selber einzuschätzen und entsprechend zu entscheiden? Wie auch immer – der Text scheint hier eher an einer anderen Frage interessiert zu sein: Wer zeichnet sich im Hören von Gottes Stimme als (un)sensibler Mensch aus? Antwort: Die eigentlichen Profis sind im Hinblick auf die Heiligen Schriften so blind und lahm, dass fast alle anderen – von hier bis hin zur Frau des Pilatus (Mt 27,19) – das göttliche Reden auf alternativem Kanal besser und schneller wahrnehmen!

2. Sh1h3iLig3

In Kapitel 6, Verse 1-18 hat Jesus sich gerade warmge(berg)predigt und kommt in dieser ersten Rede (Kap. 5-7), auf die noch weitere folgen werden, nun zum Zentrum. Wieder dienen die Profis in der Leere..äh..Lehre, welche hier (in Mt 6,2; 6,5; 6,16) zum ersten Mal Scheinheilige genannt werden, als negative Vorbilder: So geht Spenden, Beten und Fasten NICHT! Interessant ist, wie anschaulich man hier an die ursprüngliche Bedeutung des Wortes im klassischen Griechisch – nämlich Schauspieler – erinnert wird. Doch im Gegensatz zu Menschen kann man den himmlischen Vater, zu dem man anders beten soll (Verse 7-15), mit keiner Show beeindrucken – bzw. wenn, dann am ehesten noch mit einem feierlichen Akt der Vergebung (ungespielt natürlich).

3. V3rw@nDt3

In Kapitel 10, Verse 5-42 hält Jesus seine zweite Rede, wobei in Vers 36 feindliche Verwandte erwähnt werden. Dahinter steckt dasselbe griechische Wort wie hinter „seine Leute” in Vers 25. “Hausgenossen” steht da jeweils in wörtlichen Übersetzungen. Wenn in letzterem Vers also gleichzeitig Jesus mit einem Hausherrn verglichen wird, gilt dieser Anspruch im Kontext auf nicht weniger als drei Ebenen: a) in Vers 6 auf der übergreifenden Ebene des Hauses Israel (was die Gute Nachricht Bibel mit “Volk” übersetzt), b) in den Versen 12-14 auf der Ebene von Häusern im wörtlichen Sinne, c) in den oben genannten Versen auf der individuellen Ebene – so dass Jesus die Autorität bisheriger Hausherren untergräbt! Spätestens auf dem untersten Level wird also klar, warum dieser Frontalangriff auf die antike Institution des Hauses eine entsprechend harte Verfolgungsgeschichte nach sich zieht.

4. S@mm3ln

In Kapitel 13, Verse 47-50 erzählt Jesus das letzte Gleichnis seiner dritten Rede (Verse 1-52) – vom Netz. Dabei verwendet er in Vers 48 dasselbe griechische Wort wie bereits in den Versen 28 bis 30 (im Gleichnis vom Unkraut im Weizen) sowie 40 und 41 (in der Deutung dieses Gleichnisses): Sammeln. Wenn man nun beide Geschichten vergleicht, fällt folgender Unterschied auf: Während der Bauer zuerst das Unkraut einsammeln und bündeln lässt, “sammelten sie” aus dem Netz zuerst die guten Fische in Körbe. Übrig bleiben hier also die unbrauchbaren, während dort der Weizen der Rest ist. Einen Endzeitfahrplan mit klar aufeinanderfolgenden Ereignissen kann man so natürlich schlecht erstellen – wäre ja auch ziemlich langweilig im Vergleich zur eigentlichen, viel dynamischeren Pointe: Das Netz ist noch nicht voll! (Der Weizen befindet sich immer noch im Wachstum!) Relevant ist darum nicht das Wegwerfen (Verbrennen) und dessen genauer Zeitpunkt, sondern das Maximieren auf der positiven Seite: Das Himmelreich zögert die endgültige Trennung hinaus – und holt so noch mehr für sich heraus!

5. MiO.-B3tr@G

In Kapitel 18, Verse 23-35 beendet Jesus seine vierte Rede (die in Vers 1 begonnen hat) mit einem Schulden-Gleichnis. Auch hier könnte man die Pointe verpassen: Der Millionenbetrag in Vers 24 ist wörtlich “10’000 Talente” hoch. Diese Währungseinheit verwendet Jesus sonst nur noch gegen Ende seiner allerletzten Rede im Gleichnis vom anvertrauten Geld (Mt 25,14-30) – und zwar im einstelligen Bereich. Bereits 1 Talent ist viel – nämlich das Sechzigfache des (je nach Einkommen eigentlich auch gar nicht so) geringen Betrages in Mt 18,28 (wörtlich 100 Denare). Für damalige Verhältnisse klingt ein fünfstelliger Talentbetrag also nur noch nach einer astronomische Summe, deren Rückzahlung schlicht unmöglich ist! Und genauso werden wir nie begreifen, wie tief wir gegenüber dem himmlischen König in der Schuld stehen und wie tief dessen Vergebung wirklich geht. Im Vergleich dazu kann man für IHN oder andere also schlicht nichts tun, worauf man stolz sein könnte. Vielmehr befähigt ER jeden Menschen, für andere einen Unterschied zu machen (Mt 18,33)!

6. L3hRm3iSt3r

In Kapitel 23, Verse 1-12 beginnt Jesus seine fünfte Rede, in der er (besonders heftig dann in den Versen 13-36 mit den 7 Wehe-Rufen) noch einmal gegen die scheinheiligen Profis austeilt. Hinter dem Titel Lehrmeister in Vers 10 steckt dabei dieselbe griechische Wurzel wie hinter den blinden Führern in den Versen 16 und 24. (Die Gute Nachricht Bibel umschreibt hier mit: “Ihr wollt andere / die Menschen führen und seid selbst blind.”) Blinde “Wegführer” steht an dieser Stelle wörtlich und an jener könnte man den Titel mit “Herabführer” genau übersetzen. Lernen bedeutet also, dass man im übertragenen Sinne einen Weg herab geführt wird. Und das funktioniert natürlich nicht so gut, wenn die Lehrkräfte blind sind. Nur EIN Lehrer ist allerdings völlig frei von Blindheit. Daraus folgt: Wir haben zwar Lehr-/Führungsverantwortung gegenüber uns anvertrauten Menschen (z.B. gegenüber unseren Kindern), dürfen dabei aber niemals zwischen diese und IHN gehen!

7. 2f3l

In Kapitel 28, Verse 16-20 würde man es (wieder) nicht mehr für nötig halten, aber die Schüler des Lehrers Jesus brauchen (wie der Träumer Josef) immer noch Nachhilfe: Zweifel haben sich nämlich mit dem Niederwerfen vor dem Auferstandenen vermischt (Vers 17). Haben sie denn seit Mt 14,31 (Petrus, der auf dem Wasser zu wenig Vertrauen hat) nicht endlich genug gesehen? Offenbar nicht – und das ist gut so. Ja, hoffentlich wird nie der Moment eintreten, wo wir uns unabhängig von DEM Lehrer für vollmächtig und unsere Ausbildung für abgeschlossen halten! Wir brauchen Jesus und seinen Zuspruch, dass er mit uns ist (Mt 28,20) – bis zum Ende. DAS ist die grundlegendste Lektion, zu deren Wiederholung wir notfalls immer zurückkehren können (bzw. unfreiwillig zurückgeführt werden).

Gut, so lernfähig bin ich auch – wo fange ich am besten an?

Wenn du die Bibel noch kaum kennst, hast du Gottes Reden bis jetzt vielleicht mehr über Zugang 1 (Träume oder andere alternative Kanäle) vernommen und Jesus hilft dir gerade beim besseren Einordnen und überhaupt Bewusstmachen. Vielleicht ist dir auch “Zugang” 2 (Scheinheilige oder andere negative Vorbilder) nur allzu vertraut, aber zusammen mit Jesus kannst du jetzt vergeben und so das Kind nicht mit dem Bad ausschütten. Jesus untergräbt vielleicht aber auch gerade die Autorität zu wichtig gewordener Menschen, wenn dir über Zugang 3 (Verwandte oder andere sozial Kontrollierende) ein eigener Standpunkt bisher erschwert wurde. Oder du harrst zur Zeit in einem nicht nur mit Sushi-Qualität gefüllten Netz aus und Jesus schenkt dir jetzt Geduld mit Zugang 4 (Sammeln oder andere durchmischte Himmelsaktivitäten). Möglicherweise hat Jesus dir soeben auch den Dominoeffekt der Sünde aufgezeigt und dank Zugang 5 (Millionenbetrag oder andere erlassene Schuld) erfährst du nun denjenigen seiner Befreiung. Solltest du hingegen gemerkt haben, dass du bei Zugang 6 (Lehrmeister oder andere übergriffsgefährdete Funktionen) selbst im Weg stehst, will Jesus wohl als nächstes diesen blinden Fleck mit dir angehen. Und falls du dir über “Zugang” 7 (Zweifel oder andere skeptische Vorbehalte) zuvor kein Weiterkommen vorstellen konntest, ist Jesus wahrscheinlich gerade dabei, dich genau darin mit seiner verändernden Kraft zu überraschen.

So, ich hoffe, spätestens jetzt war ein KENNwort dabei, mit dem du (etwas) anfangen kannst. Ich bete für dich, dass du ein stets intimerer Jesus-Kenner bzw. eine stets intimere Jesus-Kennerin wirst! Das ist nämlich die Berufung, zu der wir von egal woher eingeladen sind – dass wir bei IHM lernen, wie unser Leben Erfüllung findet (s. Mt 11,25-30).

Online-Ressourcen zum Matthäusevangelium

Unter den Podcast-Serien des Projekts bibletunes gibt es zum Herunterladen auch Matthäus (komplett gesprochener Text + kurzer Impuls = je 5-10 min). Von Das Bibel Projekt gibt es ebenfalls wieder einen visuell ansprechend gestalteten Überblick – diesmal portioniert: Teil 1 (8 min) und Teil 2 (7 min). Und Worthaus bietet einen Videovortrag über ein weiteres Schlüsselwort aus der Bergpredigt (ca. 60 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Inzwischen fahre ich fort mit Etappe 2 und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zu den Königsbüchern schreiben und hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Matthäusevangelium würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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