Jesus: 6 krasse Auftritte im Lukasevangelium

Über den Mann aus Nazareth zu schreiben, ist zu jeder Zeit eine vornehme Aufgabe. Damals aber gelang es dem Verfasser Lukas in seiner Version sogar, gegenüber seinen Vorgängern noch wirklich neue Beiträge zu veröffentlichen. Nur bestehen diese gerade nicht darin, dass Jesus hier so innovativ wie möglich dargestellt wird. Vielmehr soll die Verbindungslinie mit dem guten Alten der Geschichte Israels besonders sichtbar werden! Und dabei fallen nicht zuletzt folgende Szenen mit Anspielungen auf die Samuel- und Königsbücher auf:

Auftritt 1 – als Zwölfjähriger unter den Lehrern

Zum ersten Mal darf Jesus in Kapitel 2, Verse 41-52 mit nach Jerusalem pilgern. 40 Tage nach seiner Geburt war er zwar schon einmal da (V. 22-38) und seinen Eltern sollte dies ja noch bewusst sein – ist es aber irgendwie nicht mehr so: An ihr damaliges Weihen des Erstgeborenen im Tempel müssen sie offenbar wieder erinnert werden (V. 49). Die Geschichte soll zudem vor dem Hintergrund einer anderen verstanden werden: “Gott und die Menschen hatten ihre Freude an ihm” (V. 52, vgl. 40) – dasselbe wird auch vom heranwachsenden Samuel gesagt (1Sam 2,26; vgl. 21). Bereits Lk 1,46-55 hat diese Parallele hergestellt (vgl. 1Sam 2,1-10), aber spätestens jetzt steht nur noch der ungewöhnliche Sohn im Zentrum (und nicht mehr die beglückte Mutter). Fazit: So wie der kleine Samuel im Heiligtum den korrupten Söhnen Elis gegenüberstand, so begegnet nun auch der junge Jesus erstmals seinen religiösen Gegnern (s. Auftritt 4 unten).

Auftritt 2 – als Lebensretter bei einer Witwe

Nachdem Jesus seine eigene Schule begründet hat, sorgt er in Kapitel 7, Verse 11-17 für ein ganz besonderes Spektakel: Einen Toten gibt er seiner verwitweten Mutter wieder lebendig zurück! Dieser Sohn ist nämlich ihr einziger, so dass sie sonst keine andere Versorgungsquelle hat. Nun finden sich diese Motive in derselben Dichte bereits in einer Erzählung über Elija (1Kön 17,17-24)! Jesus spielt also in dessen Liga – der obersten. In einem Punkt unterscheiden sich die beiden Geschichten allerdings: Nur Lukas benennt explizit auch die Gefühle der Beteiligten (V. 13: Mitleid u. Weinen, V. 16: Furcht u. Preisen). Mir scheint dies ein Anzeichen dafür zu sein, dass es diesmal um noch viel mehr geht als nur um die Fortsetzung und Sicherung materieller Existenz.

Auftritt 3 – als Jude in Samarien

Ein weiterer Unterschied zur Überlieferung von Elija wird in Kapitel 9, Verse 51-56 deutlich: Jesus ist von der Idee zweier Schüler, Feuer auf ein Dorf fallen zu lassen, gar nicht begeistert. Dabei gäbe es durchaus Anlass (V. 53) für ein solches Strafwunder und noch dazu ein biblisches Vorbild – das prophetische Todesurteil über Ahasja und dessen Männer aus der Stadt Samaria (2Kön 1,9-18)! Haben es also die späteren Menschen dieser chronisch von Mischreligion verseuchten Gegend nicht genauso verdient unterzugehen? Diese Frage wurde vom Jerusalemer Tempel aus tatsächlich so pauschal bejaht, wie sie gestellt ist. Jesus hingegen tut mit seiner Suche nach Gastfreundschaft so, als wäre er über diese lange Tradition der Abscheu (natürlich auch in umgekehrter Richtung) nicht informiert. Dass er in Wirklichkeit ganz bewusst eine jüdische Sichtweise ohne Feindeshass vertritt, muss sich erst noch herumsprechen (s. später Auftritt 5). Bis jetzt hat es ja offensichtlich noch nicht einmal der engste Kreis um ihn herum mitgekriegt. Merke: Trotz aller Kontinuität bleiben manche altisraelische Episoden einfach Geschichte und erfahren im Evangelium keine Neuauflage.

Auftritt 4 – als Prediger gegen Geldgier

Viele Fragen wirft Jesus mit seinen Worten in Kapitel 16, Verse 1-15 auf – insbesondere mit der Geschichte am Anfang: Wie handelt man richtig und gerecht? Hauptsache klug?? Gegen Ende werden die Aussagen aber immer unmissverständlicher: Zuverlässigkeit im Umgang mit Geld ist wichtig, Treue zu Gott aber am wichtigsten! Denn dieser sieht – im Gegensatz zu den Menschen, denen so manche Gier verborgen bleibt – bis ins Herz (V. 15)!! Diese Erkenntnis erinnert an David und Salomo (s. 1Sam 16,7 u. 1Kön 8,39): Jesus erhebt den Anspruch, deren Erbe besser zu bewahren als seine Gegner – die pharisäischen Lehrer (vgl. Auftritt 1). Die beiden Könige pflegten nämlich weniger die äusserliche Tadellosigkeit jener als vielmehr eine innere Freiheit – insbesondere gegenüber ihrem Reichtum. (Im Hinblick auf den Besitz von Frauen hätten sie allerdings noch freier sein können.)

Auftritt 5 – als Heiler von zehn Aussätzigen

Im darauffolgenden Kapitel 17, Verse 11-19 sagt Jesus einem Mann aus Samarien (vgl. Auftritt 3) zusammen mit neun Nicht-Fremden, dass sie auf dem Weg zu den jüdischen Priestern frei würden – von ihrem Leiden, welches sie unfreiwillig verbindet. Genau das trifft ein, aber nur jener kehrt als dankbarer Anbeter zurück (V. 15-18) – analog zu Naaman aus Damaskus mit derselben Diagnose, der durch die Anweisungen von Elischa ebenfalls geheilt wurde und darum auch dessen Gott anerkannte (2Kön 5,1-18)! Allerdings kommunizierte der Prophet damals noch über einen Diener mit dem Ausländer und blieb auf Distanz in seinem Haus. Schlussfolgerung: Erst in der direkten Begegnung mit Jesus wird ein Vertrauen erfahren, das endgültig Menschen aller Nationalitäten rettet – nicht nur, aber auch aus der Krankheit des Rassismus.

Auftritt 6 – als Auferstandener vor zwei Schülern

Auch auf der Zielgeraden scheint noch einmal ein Bezug zu Elischa vorzuliegen – in Kapitel 24, Verse 13-35: “Da gingen ihnen die Augen auf” wird über das Duo auf dem Weg nach Emmaus geschrieben (V. 31), welches bis dahin den auferweckten und hinzugekommenen Jesus nicht wiedererkannt hat (V. 16) – “sie waren wie mit Blindheit geschlagen.” Diese sozusagen letzte Geschichte von Heilung und Feuer (V. 32) ruft den prophetischen Plan in Erinnerung, nach welchem der König von Israel einmal seinen blind angreifenden Nachbarn ein Mahl bereitete – statt sie niederzumachen (2Kön 6,8-23)! Und diese Friedensabsicht wird auch an jedem Tisch ausgedrückt, wo Jesus gegenwärtig ist und das Brot segnet. Zur exklusiven Austeilung an seine besten Freunde? NEIN, denn er hat sich mit seinem (Leben und) Tod ja gerade auch für die schlechtesten hingegeben!!

Aber Jesus betritt kaum die Bühne meines Lebens – oder doch?

Der Mensch sucht Frieden, kann ihn aber schlecht finden: Wie ich gerade aufzuzeigen versucht habe, scheint geistliche Blindheit unser Normalzustand zu sein (Auftritt 6). Man kann sogar sagen: Die dramatische Rettung, die Jesus der Witwe und ihrem Sohn gebracht hat (Auftritt 2), brauchen wir im übertragenen Sinn ausnahmslos alle! Denn nicht an äusserlichen Krankheiten gehen wir letztendlich zugrunde, sondern an innerlichen – z.B. Nationalismus (Auftritt 5) und Fremdenfeindlichkeit (Auftritt 3) oder Habsucht (Auftritt 4). Wird also das Immunsystem unseres Herzens davon zwangsläufig in die Knie gezwungen? Jein: Es ist zwar an sich schwach, aber es kann jederzeit vom Heiligen Geist gestärkt werden – durch die Freude an Jesus (Auftritt 1)! Gott hat uns (und sich selbst) dieses Geschenk gemacht; die Initiative geht nie von unserer Seite aus. Immerhin können wir aber beeinflussen, wie empfangsbereit wir sind!

Unser Leben ist für Jesus häufig erst zugänglich, nachdem wir Dinge wie Gesundheit oder Sicherheit verloren haben. Manche wollen aber nicht so lange warten und üben schon jetzt diese innere Freiheit ein, auf welche die Könige David und Salomo ihrem Wohlstand gegenüber achteten. Oder sie verzichten sogar freiwillig auf ihren bisherigen Status, um sich Gott zu weihen – wie die Propheten Samuel, Elija und Elischa. Oft kommt es dann überhaupt mit ihrer Herkunft zum Bruch (s. Lk 4,23-27). Ihr Gewinn ist aber eine wesentlich erfüllendere Zukunft: Auch wenn (bzw. weil) sie dabei an ihre Grenzen (und darüber hinaus) kommen, treten Friede und Freude umso gehäufter auf! Und vielleicht führt dich der Heilige Geist ja auch gerade zu diesem prophetischen Schritt – oder auf jenen königlichen Weg. Wie auch immer – gehe ihn!

Video-Empfehlungen zum Lukasevangelium

Das Bibel Projekt vermittelt wie immer einen toll gemachten Überblick – hier sind die Links zu Teil 1 und Teil 2 (jeweils 8 min). Und von Worthaus gibt es einen spannenden Vortrag (ca. 70 min) zu einem weiteren starken Auftritt – diesmal vor sadduzäischen Gegnern:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Inzwischen fahre ich fort mit Etappe 3 und werde so bald einen kurzen Artikel zur Apostelgeschichte schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Lukasevangelium würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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