Mission: 5 Jesus-Muster im Johannesevangelium

Glaubenswahrheit bezeugen – das klingt irgendwie nach den Jehova-Leuten, die mit ihrem übergriffigen Bekehrungseifer für das eine Extrem stehen. Am anderen Pol wiederum haben Menschen mit wertvollen Überzeugungen allzu sehr Angst davor, Farbe zu bekennen und so ihr Ansehen aufs Spiel zu setzen. Bekanntlich kann man ja immer nach zwei Seiten vom Pferd fallen. Jesus hingegen blieb stets fest im Sattel – so auch in der Darstellung des Johannes. Charakteristisch ist dort zwar eine kontrastbildende Weltanschauung mit dramatischen Gegensatzpaaren, zwischen denen es scheinbar keine Graustufen gibt. Doch gerade die Stellen mit dem auffällig wiederkehrenden Begriff “Welt” (griechisch: Kosmos) zeigen, wie facettenreich Jesus seine eigene Sendung zur ganzen Menschheit versteht (und damit auch die Sendung seiner Schule). Hier fünf modellhafte Beispiele:

1. VOLLENDEN

In Kapitel 4, Verse 19-42 finden wir die zweite Hälfte einer Begegnung, bei der Jesus gerade eine Frau in Verlegenheit gebracht hat: Ihre unrühmliche Geschichte mit mehrfachem Ehebruch ist im Gespräch offenbar geworden. Schnell wechselt sie das Thema, ohne aber den Abbruch der Unterhaltung herbeizuführen. Und so endet das Ganze damit, dass Jesus für zwei Tage in ihrem Dorf bleibt und dort von vielen nichtjüdischen Leuten (nicht nur als ein Prophet, sondern sogar) als “Retter der Welt” (V. 42) erkannt wird.

Interessanterweise wird dieses Geschehen beiläufig mit einem aufschlussreichen Vergleich erklärt und eingeordnet (V. 34-38): Jesus versteht sich als gehorsamer Gesandter, der eine Ernte einbringt. Und seine Gefolgsleute sind ebenfalls beteiligt daran. Für die Saat waren allerdings bereits andere Arbeitskräfte auf dem Feld. Fazit: Jesus bekennt sich hier klar als Jude und zur bisherigen Anbetung Gottes in Jerusalem. Um diesen Ort herum wächst das Korn geretteter Menschen schon länger. Dass es nun weit über das Judentum hinauswächst – das ist die Weiterführung, von der die Rede ist. Mit Jesus hat die Erntezeit eines ortsunabhängigen Glaubens begonnen, durch den Rettung und Leben in jedes schwierige Verhältnis kommen kann – sei es damals zwischen den benachbarten Re(li)gionen von Judäa und Samarien, sei es bis heute zwischen Mann und Frau.

2. ENTGEGNEN

Dass Jesus auch anders kann als Kuschelkurs, wird unter anderem in Kapitel 8, Verse 12-19 klar. Zwar beginnt der Abschnitt mit einer genialen Selbstaussage (V. 12): “Ich bin das Licht für die Welt. Wer mir folgt, tappt nicht mehr im Dunkeln, sondern hat das Licht und mit ihm das Leben.” Liest man aber weiter, klingt es nicht mehr so positiv. Jesus reibt hier vor allem seinen pharisäischen Gegnern unter die Nase, dass sie Licht und Leben NICHT haben. Sie sind es, die im Dunkeln tappen.  

Auch das gehört dazu (V. 14-18): Jesus erklärt menschliche Urteile für ungültig – egal wie breit abgestützt sie sein mögen. Es mag zwar so aussehen, dass er mit seinem Urteil allein dasteht. In Wirklichkeit ist es jedoch tief in demjenigen seines göttlichen Vaters gegründet – und das hat mehr Gewicht als alles andere! Wenn also auch seine Schule als Minderheit verurteilt wird, dann sagt das vor allem etwas über die Beschränktheit der angeblichen Mehrheit aus. Wer die wahre Lehre vertritt, wird letztinstanzlich woanders entschieden.

3. DURCHSTEHEN

Jesus erreicht in Kapitel 12, Verse 27-32 den Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt – jedenfalls nicht ohne vorheriges Leiden und Sterben. In den Tod, der die Menschen bisher beherrscht, bringt er in Kürze sich selber – das Leben! Darum sagt er zur Menge (V. 31): “Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt.” Man kann sich im Diesseits gegen Jesus positionieren und bleibt so zumindest in schrecklicher Unklarheit darüber, was man im Jenseits zu erwarten hat. Man kann sich aber auch auf seine Seite stellen und hat bereits ab diesem Moment die feste Zusage, dass man für immer nur unter seiner guten Macht stehen und keiner anderen ausgeliefert sein wird! Die Entscheidung über die Ewigkeit wird so vorweggenommen.

Das bange Gefühl hat allerdings durchaus auch seinen Platz auf dem Jesus-Weg (V. 27-28): Selbst beim Meister ist es nicht so, dass von Anfang an nur der Gedanke an die Ehre des göttlichen Vaters den Raum einnimmt. Er kommt allerdings zu diesem Ergebnis – betend. Und seine Schule bekommt dadurch ein Vorbild – insbesondere diejenigen, die sich bald wie er im Gebetskampf durchringen und ihm als ergebene Märtyrer und Märtyrerinnen folgen werden.

4. ABLEGEN

Auf die intensive Öffentlichkeitsarbeit folgt für Jesus die persönliche Verabschiedung von seinem engeren Kreis, die in Kapitel 13, Verse 1-8 beginnt. Seine Rückkehr zum göttlichen Vater bedeutet, “diese Welt zu verlassen” (V. 1). Im gleichen Zug will er denen, die dort zu ihm gehören, seine Liebe letztgültig beweisen. Viele Fragezeichen und Unverständnis sind so vorprogrammiert: Wohin? Warum? Wie? Was?

Zuerst verabschiedet sich Jesus allerdings nicht von Menschen, sondern von einer sozialen Stellung (V. 4-6): ln der Rückfrage des Petrus wird er Herr genannt, aber offenbar verrichtet er lieber den Dienst eines Untergeordneten. Herren sind ja bekanntlich die, welche die Beine hochlegen dürfen – und damit dabei kein unangenehmer Käsegeruch aufkommt, entfernen irgendwelche Untergeordnete ihnen den Dreck zwischen den Zehen. So war die Ordnung damals und ähnlich läuft es – zumindest im übertragenen Sinn – auch noch heute. Jesus hingegen wollte und will in seiner Schule keine solche Aufteilung.  

5. VORFÜHREN

In Kapitel 18, Verse 33-37 richtet der römische Statthalter Pilatus seine ersten Fragen an den nun verhafteten Jesus. Dieser antwortet, dass er tatsächlich mit weltbezogenem Thronanspruch gekommen sei – allerdings bezüglich eines Königtums, das nicht “nicht von dieser Welt” stamme (V. 36). Pilatus kriegt also nicht die eindeutige Aussage, die gerne gehabt hätte: König – ja oder nein?!

Überhaupt ist man beim Lesen verwundert (V. 33-35): Jesus hat die Frechheit, zunächst keine Auskunft zu geben und Pilatus gleich eine Gegenfrage zu stellen. Wer verhört hier eigentlich wen? Irgendwie sind hier die Rollen vertauscht. Nicht der angeklagte Jesus ist der Verunsicherte und nicht der mächtige Pilatus der Souveräne. Derjenige, der auf Gewalt verzichtet, wirkt plötzlich als der Stärkere. Derjenige, der auf Gewalt setzt, wirkt plötzlich als der Schwächere. Und die Menschen darum herum können überdenken, wem sie bisher an erster Stelle Gefolgschaft geleistet haben und wer sich ihrer gerade als würdiger erweist.

Ist Sendungsbewusstsein nicht trotzdem mehr schädlich als nützlich?

Tatsächlich gibt es hier eine verstörende Wirkungsgeschichte der anhaltenden Sinnentleerung: Was ursprünglich als ein akuter Streit über unterschiedliche Deutungen innerhalb des Judentums verständlich war, begründete bald eine chronische Entwürdigung der Synagoge durch die Kirche. Auch aus der eigentlichen Befähigung zur geistlichen Krisenbewältigung wurde nur allzu schnell eine Tradition skrupelloser Ausnutzung von Gefühlen der Angst, Schuld und Unterlegenheit. Genauso gibt es aber auch eine inspirierende Wirkungsgeschichte der unbeirrten Sinnerfüllung: Gerade in Kontrast zu den zerbrochenen und missbräuchlichen Beziehungen in dieser Welt wurde immer wieder eine belastbare und gesunde Alternative vorgelebt, nämlich echte Freundschaft mit und durch Jesus (s. Joh 15,12-15)!

Wodurch willst du heute Teil dieser Sendung Gottes an die von ihm geliebte Menschheit sein? Vielleicht durch (1) vereintes Vollenden eines vor Jahrtausenden begonnenen Rettungswerks, durch (2) freimütiges Entgegnen trotz Minderheitssituation, durch (3) betendes Durchstehen jeglicher Verfolgung, durch (4) hingabevolles Ablegen des Statusdenkens, durch (5) gewaltloses Vorführen lächerlicher Machtsysteme? Fang einfach bei irgendeinem Punkt an! Du kannst mitbestimmen, dass diese nützliche Wirkungsgeschichte jene schädliche übertrifft!

Online-Ressourcen zum Johannesevangelium

Unter den Podcast-Serien des Projekts bibletunes gibt es zum Herunterladen auch Johannes (komplett gesprochener Text + kurzer Impuls = je 5-10 min). Von Das Bibel Projekt gibt es ebenfalls wieder einen visuell ansprechend gestalteten Überblick – portioniert: Teil 1 und Teil 2 (jeweils ca. 9 min). Und Worthaus bietet einen passenden Videovortrag darüber, welche Aussagekraft – angesichts der (un)menschlichen Weltgeschichte – hinter der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus steht (ca. 60 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre nun mit Etappe 4 fort und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zum Josuabuch schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Johannesevangelium würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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