Spiritualität: 3 typische Gebetsorte in den Psalmen

Keller, Klo oder sonst ein stilles Kämmerlein? Nein, ich meine Ort im übertragenen Sinn – zum Beispiel: Ist Not die Befindlichkeit, die dich sprichwörtlich beten lehrt? Oder ist gerade sie die Situation, aufgrund der du nicht (mehr) glauben kannst? Solche Fragen stellte ich mir selbst in den vergangenen Tagen, als ich im Buch der Psalmen las. Und zwar galt mein besonderes Interesse zum ersten Mal einigen Lyrics, die mit einer bestimmten Station in der Biografie (und also nicht nur allgemein mit dem Namen) Davids verbunden sind. Tatsächlich fand ich mich dann auch in drei unterscheidbaren Stimmungen wieder, die sich allerdings nicht gegenseitig ausschliessen:

Stimmung 1: Ich bin gefordert!

Sei es gegenüber dem Vorgänger Saul, sei es gegenüber dem potentiellen Nachfolger (und rebellischen Sohn) Abschalom – David hat sich durch alle Herausforderungen hindurch als König behauptet, sieht dies aber laut Psalm 18 als Rettung, die er nicht sich selbst verdankt! Und so beginnt er sein Gebet mit folgenden Worten:

Ich liebe dich, Herr,
denn durch dich bin ich stark!

Noch krasser: Nicht nur am Ende zeigt sich David als Vertrauter des Herrn, sondern bereits am Anfang seiner ersten Flucht – nämlich laut Psalm 56 bei der Festnahme durch die Philister in Gat (s. 1 Sam 21,11-16). Auch hier betet er nicht nur klagend, sondern ein paar Verse weiter ganz gewiss:

Du, Gott,
stehst mir bei!

Er hätte allerdings auch einfach sagen können: “Wie ungleich viel schlauer bin ich doch als dieser dumme Achisch!” Erhöhte Anforderungen machen uns ja nicht automatisch zu betenden, sondern oft zu selbstgerechten und stolzen Menschen: Was lässt du dich so stressen – von diesem anspruchsvollen Job, von diesem schreienden Kind…? Ich habe das mit links gemacht – und im Gegensatz zu dir musste ich gleichzeitig noch mit meiner Krankheit fertig werden! David hingegen vergisst nicht: Ich bin nur stark dank Gottes Beistand!!

Stimmung 2: Ich bin überfordert!

Der darauffolgende Psalm 57 ist inhaltlich ähnlich, will aber vor einem anderen Hintergrund gelesen werden – Davids Höhlenflucht (s. 1 Sam 22,1 od. 24,4). Die Erwähnung des Verfolgers Saul, der sich nicht so leicht austricksen lässt, hebt die beginnende Klage des Gejagten gleich einmal auf ein anderes Level:

Erbarm dich, Gott,
hab Erbarmen mit mir!

Die Steigerung dazu kann nur noch der durch den eigenen Sohn Abschalom ausgelöste Bungee-Sprung sein (ab 2 Sam 15), auf den sich Psalm 3 bezieht. Auch wenn hier ebenfalls Aussagen der Gewissheit und des Vertrauens zu finden sind, ist Davids dringlicher Hilferuf auch gegen Ende der Dichtung noch nicht verstummt:

Du mein Gott,
greif doch ein!

Sich hier in der Rastlosigkeit die Zeit zum Beten zu nehmen, finde ich ebenfalls alles andere als selbstverständlich. Andererseits muss man oft erst einmal mit seinen eigenen Möglichkeiten ans Ende gekommen sein, um sich an Gott zu wenden. Viele Menschen haben überhaupt erst so ihre erste übernatürliche Erfahrung gemacht. Möglicherweise begann es ja auch bei David so und er dachte sich fortan: Warum eigentlich bis zur nächsten Überforderung warten, wenn ich auch bereits in Stimmung 1 die göttlichen Möglichkeiten in Anspruch nehmen kann?

Stimmung 3: Ich bin unterfordert!

Der schwierigste Umstand für David scheint mir allerdings der folgende zu sein: Während bisher viel Adrenalin im Spiel war, führte das Fliehen ihn ja auch einfach ins Abseits – ins Abwarten und Ausharren. So klingt für mich jedenfalls die Überschrift vom Ps 142, wo einfach allgemein die Höhle genannt wird – null Action, null Bewegung. Und da fällt mir in der zweiten Hälfte eine Betonung auf:

Zu dir, Herr,
schreie ich!

Man könnte ergänzen: Ich kann oder will nicht zu irgendjemandem mit meiner Klage gehen, sondern nur – zu dir. Und auch das findet sich noch stärker: In Psalm 63, der noch allgemeiner einfach die Wüste als Ort angibt, kommt diese Betonung ganz besonders zum Ausdruck:

Du bist mein Gott,
dich suche ich!

Wen oder was sucht David im Kontrast dazu nicht? Ich muss sofort an sein Königtum denken. Auf dem Thron gäbe es für ihn nämlich alles, was man normalerweise so sucht – die sonst üblichen Götter: Money, Sex and Power. Nicht dass er sich dieser Dinge freiwillig enthalten möchte – aber er sagt soviel wie: Ich weiss zwar, dass ich eine monarchische Berufung habe (und nicht eine monastische in der Wüste/Höhle); dennoch bist du mir wichtiger als sie, dennoch mag ich alles verlieren – nur dich nicht! David ist also sogar bereit, notfalls unter seinem Potential zu leben und betend die Unterforderung auszuhalten.

Ups, ich habe mich hier auch wiedergefunden – was soll ich tun?

Vielleicht ist deine Stimmung eindeutig 1, 2 oder 3. Dann möchte ich dich ermutigen, dir eines der jeweils zwei zugeordneten Gebete anzueignen. Und zwar könntest du es mal wie ein Wüstenmönch versuchen – nicht indem du jetzt die Koffer für den Nahen Osten packst, sondern indem du das frühchristliche Ruhegebet ausprobierst: Alle sechs obigen Zitate aus den Psalmen eignen sich dank ihrer Kürze zum meditativen Wiederholen ohne gedankliche Anstrengung. Zum Beispiel atmest du ein und sprichst dabei innerlich die erste Zeile und dann atmest du wieder aus für die zweite. Die Atembewegung kann auch umgekehrt zugeordnet werden. Oder du murmelst den Zweizeiler gehend im Rhythmus deiner Schritte. In jedem Fall ist das Ziel, immer entspannter vor und in Gott zu ruhen. (Stresse dich also nicht damit, wie viele Minuten lang du es schaffst, die Übung zu wiederholen.)

Vielleicht ist deine Stimmung auch (wie bei David) eine Mischung aus 1-3. Dann verfahre trotzdem so und fühle dich in der Wahl deines Kurzgebets einfach ganz frei. Oder bete mit den wenigen Worten, die Jesus im Garten Gethsemane – ebenfalls wiederholt – gesprochen hat (nach Mk 14,36 u. 39): Abba, Vater […], alles ist dir möglich! [Stimmung 1] Erspare es mir, diesen Kelch trinken zu müssen! [Stimmung 2] Aber es soll geschehen, was du willst, nicht was ich will. [Stimmung 3]

Videoclip-Tipp zu den Psalmen

Das war jetzt nur eine kleine Kostprobe, aber es wird noch mehr Psalmen-Beiträge in Zukunft geben. Dank Das Bibel Projekt kann man sich in nur 9 min schon mal einen hervorragend aufbereiteten Gesamtüberblick über den Psalter verschaffen:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und hole mich noch ein! Inzwischen fahre ich fort mit Etappe 2 und werde also in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zum Matthäusevangelium schreiben und hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Psalmen würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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