Worte: 3 krasse Ansagen im Buch Numeri

Papier ist geduldig – Leser und Leserinnen brauchen hingegen schon einen guten Grund, damit sie motiviert bleiben, wenn sich eine Geschichte in die Länge zieht. Immerhin bleibt die Suche nach spannendem Erzählstoff in Numeri (auch 4. Buch Mose genannt) nicht erfolglos: Zwar wird auch hier die Aneinanderreihung von Ordnungen für das Volk Gottes fortgesetzt – und darunter finden sich durchaus auch besonders beachtenswerte wie z.B. die Asylstädte (Kapitel 35). Aber in der Mitte steht das, was das Herz des Bücherwurms am meisten begehrt – Handlung! Durch die beiden Komponenten wird also einerseits ein Kontrast hergestellt – dort das Ideal, hier die Wirklichkeit. Andererseits gibt es auch ein verbindendes Motiv – das Ausgesprochene und seine weitreichende Wirkung. Was ich damit meine, möchte ich an folgenden drei Beispielen zeigen.

„Der Herr segne euch und beschütze euch!“

In Kapitel 6 handeln die letzten sechs Verse, die auf ausführliche Bestimmungen für Gottgeweihte folgen, von einer einzigartigen Aufgabe für die israelitischen Priester. Wir erfahren nicht einfach, dass den Israeliten irgendwie Segen und Schutz zugesprochen wird, sondern ab Vers 24 sogar, welcher genaue Wortlaut dabei verbindlich ist. Immer geht es um Gesten der Beziehung (V. 25-26): “Der Herr blicke euch freundlich an und schenke euch seine Liebe! Der Herr wende euch sein Angesicht zu und gebe euch Glück und Frieden!”

Seit Jahrtausenden werden Menschen mit diesem Spruch gesegnet, während eine Menge von davor oder danach geschriebenen Sätzen einer solchen Kontinuität entbehren. Nicht nur im Christentum, sondern auch im Judentum laufen die Zeremonien heute ziemlich anders ab als damals am südöstlichen Ende des Mittelmeers. Aber der priesterliche Segen hier hat offenbar kein Verfalldatum. Der Herr hat ja auch nicht aufgehört, uns gegenüber beziehungsorientiert zu handeln. Und bis heute spricht er so sogar Menschen an, die sich eigentlich als atheistisch bezeichnen oder zumindest nie von sich aus in einen Gottesdienst gehen würden. Wenn ich als selbständiger Theologe z.B. freie Trauungen durchführe, erlebe ich das immer wieder.

„Hat der Herr nicht auch zu uns gesprochen?“

In Kapitel 12 wird von einem prominenten Geschwisterkonflikt berichtet. Mose hat sich dadurch, dass er eine dunkelhäutige Frau geheiratet hat, angreifbar gemacht – so dass sein Bruder Aaron und seine Schwester Mirjam durch entsprechendes Lästern versuchen, ihre Position beim Volk zu stärken. Und so hinterfragen sie in Vers 2, ob eigentlich Mose den Willen des Herrn exklusiv kennt oder ob nicht alle drei die gleiche Autorität haben. Treibende Kraft hinter dieser Auflehnung ist offenbar Mirjam. Sie wird in Folge durch Aussatz schneeweiss – so dass klar ist, welche Frau wirklich eine problematische Hautfarbe hat.

Aaron erkennt dieses Signal des Herrn sofort (V. 11-12): “Verzeih, wir haben im Unverstand gehandelt und Unrecht getan. Lass uns nicht dafür büßen! Soll Mirjam wie eine Totgeburt aussehen, deren Fleisch schon halb verwest ist, wenn sie aus dem Mutterschoß kommt?” Und dank der darauffolgenden Fürbitte des Mose kommt auch dessen Schwester am Ende mit dem Schrecken davon (welcher allerdings eine Woche lang anhält). In kompakter Form zeigt uns die Geschichte also, welchen Schaden schlechtes Reden anrichten kann, aber auch welches Potential zur Wiedergutmachung heilende und versöhnende Worte haben. Wiederum bestätigt mir das meine Erfahrung, die ich diesmal besonders im Kontext von Gemeinde und Gemeinschaft gesammelt habe.

„Ich will sehen, was der Herr mir diesmal sagt.“

In Kapitel 22 beginnt die Erzählung von Bileam, der im Auftrag eines feindlichen Königs das Volk Israel verfluchen soll. Gott ist allerdings dagegen und übermittelt das per nächtlicher Botschaft erfolgreich an Bileam. Damit könnte die Sache erledigt sein – würde der König nicht aufs Ganze gehen und denken, dass er sich mit seinem Reichtum alles kaufen kann. Und tatsächlich ist Bileam in Vers 19 bereit, eine zweite Nachtbotschaft des Herrn zu empfangen. Überraschenderweise weicht Gott sein Verbot auf, so dass Bileam nun zumindest mit den Männern des Königs gehen darf. Doch dann stellt sich der Engel des Herrn in den Weg, was allerdings nur Bileams Eselin sieht. Das Tier weicht aus und kassiert dafür Schläge – bis es zu sprechen beginnt und dann endlich auch Bileam die Augen aufgehen. Daraufhin sagt der Engel (V. 32-33): “Ich selbst habe mich dir entgegengestellt, weil du auf einem verkehrten Weg bist. Aber deine Eselin hat mich gesehen und ist dreimal vor mir ausgewichen. Du verdankst ihr dein Leben, denn wenn du weitergeritten wärst, hätte ich dich getötet; nur sie hätte ich verschont.”

Verständlicherweise will Bileam nun umkehren – und wieder könnte es damit erledigt sein. Das Verwirrspiel geht jedoch weiter, indem der Engel nun auf einmal lockerer wird und Bileam seine Reise zum König unerwartet fortsetzen darf. Bis zum Ende bleibt allerdings unverhandelbar, dass über den Israeliten nur ausgesprochen werden darf, was Gott befiehlt. Und so kommt es, dass Bileam dem König in den folgenden Kapiteln einen Strich durch die Rechnung macht: Die Israeliten werden nicht ein einziges Mal verflucht, sondern sogar mehrfach gesegnet! Leider kann ich nicht sagen, dass auf diese Weise auch jedes üble Wort über mich als Kind verhindert wurde – aber immerhin bin ich von der zu erwartenden Schädigung relativ verschont geblieben. 🙂

Naja, ist der Normalfall nicht eher die Wirkungslosigkeit des Redens?

Tatsächlich verpufft so manche Belehrung, so manche Bitte, so manche Botschaft. Senden ist die eine Seite, Empfangen die andere. Same und Boden – so veranschaulicht Jesus das in seinem Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld (Lk 8,4-8; vgl. Mk 4,2-9 u. Mt 13,3-9). Die Aussaat fruchtet nur beim bereitwilligen Typ. Es fällt uns oft schwer, das zu akzeptieren: Wir erteilen z.B. jemandem einen gut gemeinten Ratschlag – vergeblich. Immerhin dürfte es sich bei üblen Verwünschungen erst recht so verhalten, dass deren Macht sich auch nur durch entsprechende Empfangsbereitschaft entfalten kann. Und das ist ja wiederum beruhigend.

Vielleicht ist dir ja gerade klar geworden, wofür du gerade (un)empfänglich bist. Ob gute oder böse Worte, Segen oder Fluch – unterschätze nie die Keimfähigkeit solcher Saat und achte also darauf, worauf sie bei dir fällt! Ich bete für dich – dass dein Herz die beziehungsfreudige Zusage Gottes dankbar einlöst (1), dass dein Mund immer seltener Schaden anrichtet bzw. immer häufiger wiedergutmacht (2), dass deine Ohren anhaltend auf den richtigen Auftraggeber eingestellt sind (3). Viele ermutigende Erfahrungen mit all dem wünsche ich dir!

Videoclip-Tipp zum Buch Numeri

Es gäbe noch mehr wichtige Inhalte dieses biblischen Buches, die eine Vorstellung hier verdient hätten. Für wenigstens einen Gesamtüberblick möchte ich darum folgende 7 Minuten von Das Bibel Projekt auf Youtube wärmstens empfehlen:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre mit Etappe 3 fort und werde so nächsten Monat einen kurzen Artikel zum Buch Deuteronomium schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Buch Numeri würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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