Rettung: 2x Endzeit in den Thessalonicherbriefen

Geht es auch weniger dramatisch? Für den Frontmann Paulus sowie Silas/Silvanus und Timotheus in Mazedonien offenbar nicht. Auch nachdem das Trio weitergezogen ist, hält die Spannung an: Wie funktioniert das mit dem “Tag des Herrn” und dem rettenden Eingreifen von oben? Reicht es denn nicht langsam mit dem Ausharren in der Verfolgung hier unten? Wurde das Datum, an dem Jesus wiederkommt, etwa nach hinten verschoben? Mit solchen Fragen also beschäftigte sich insbesondere die Gemeinde in Thessalonich/Thessaloniki und folgende zwei – auf den ersten Blick sehr widersprüchliche – Antworten darauf lesen wir bis heute in der Bibel.

1. Der rettende Zeitpunkt ist schon jetzt gekommen.

Der Hauptteil des ersten Briefes an die Gemeinde endet mit 1Thess 5,4-11 und zwar mit dem anschaulichen Gegensatz von Tag und Nacht: Wer sich zum Herrn Jesus bekennt, lebt bereits im Tageslicht – auch wenn die Umwelt sich wie in nächtlicher Dunkelheit verhält. Woran erkennt man also diese Vorwegnahme des letzten Tages, auf den keine Nacht mehr folgt? Paulus bringt es auf drei berühmt gewordene Begriffe: Glaube, Liebe, Hoffnung (Vers 8). Und damit ist man nicht nur gut (aus)gerüstet, um eine von ‘Betrunkenen’ verdorbene Gegenwart auszusitzen. Vielmehr ist man so in der Lage, im Heute mit mutiger ‘Nüchternheit’ aktiv zu werden.

2. Der rettende Zeitpunkt ist noch nicht gekommen.

Der Hauptteil des zweiten Briefes an die Gemeinde beginnt mit 2Thess 2,1-12 und zwar mit einer Deutung des aktuellen Geschehens: Dass Jesus gerade dabei ist wiederzukommen – dafür gibt es im Gegensatz zu anderen Meinungen (noch) keine Anzeichen! (Die deutschsprachige Forschung nimmt dem Brief darum mehrheitlich nicht ab, dass er mit einem so anderen Akzent immer noch von Paulus stammt. Für die Mehrheit in der englischsprachigen Forschung wiederum weist die inhaltliche Spannung nicht zwingend darauf hin, dass hier ein anderer Autor am Werk war.) Wie auch immer – der Aufgang der Wahrheit geht mit dem Untergang der Lüge einher (Verse 10-12). Solange bei diesem Geschehen aber noch eine Steigerung möglich ist, steht auch bei jenem das Finale noch aus – so offenbar die Logik. Warum aber bleibt der Abschnitt nur bei so geheimnisvollen Anspielungen? Nun, es geht in erster Linie um einen geistlichen Kampf auf einer höheren Ebene. Erst in zweiter Linie sollten bestimmte historische Gestalten und Vorgänge (ursprünglich natürlich im Römischen Reich, aber auch in allen Supermächten seither) als Ausdruck davon verstanden werden.

Uuuhh, ich verbinde dieses Thema mit Sekten – ist das nicht zu heikel?

Leider wird durch manche Sondergruppen tatsächlich viel krankhafte Angst gefördert, indem vom Endgericht und allem Schrecklichen davor und danach gesprochen wird. Doch wir würden dabei geradezu mithelfen, wenn wir uns aus diesem theologischen Feld zurückziehen würden! Von Jesus selbst ist uns ja eine Endzeitrede überliefert, die – richtig verstanden – mit einem sehr gesunden Aufruf beginnt (Lk 21,8; vgl. Mk 13,5 u. Mt 24,4): “Seid auf der Hut und lasst euch nicht täuschen!” Nein, er sagt damit nicht: “Seid ängstlich, weil ihr bald sehr negativ vom Weltuntergang überrascht werdet!” Er sagt vielmehr: “Seid vorsichtig, weil Menschen mit wirren Deutungen von Weltuntergangsstimmung(en) auftauchen werden!”

Wie also können wir das Ganze besser deuten? Dass die Welt, wie wir sie kennen, untergehen wird mit ihrer langen Schuldgeschichte – das ist eigentlich nur die Kehrseite einer Neuschöpfung, bei der auf letztgültige Weise die himmlische Rettung Gottes erfahren werden kann: Erbarmen und Freude. Lebe also auch du in diesem Licht (1), indem du dich aller Dunkelheit zum Trotz mutig zu Jesus bekennst und von ihm Ausrüstung empfängst. Die brauchst du nämlich, solange das Rückzugsgefecht der Verliererseite im geistlichen Kampf anhält (2) – ja, aktiviere das Zeugs!

Web-Favoriten zu den Thessalonicherbriefen

Einen kompakten Überblick bekommt man einerseits auf bibelwissenschaft.de – sowohl über 1. Thessalonicher als auch über 2. Thessalonicher. Das Bibel Projekt bietet andererseits entsprechende Kurzvideos zu Brief 1 und Brief 2 (ca. 7 min jeweils). Und von Worthaus gibt es auf Youtube einen aufschlussreichen Grundsatzvortrag über den Weltuntergang – in der amerikanischen Filmindustrie, nach dem mittelalterlichen Modell und in neutestamentlicher Perspektive (54 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre nun mit Etappe 5 fort und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zu den Korintherbriefen schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Thessalonicherbriefen würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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