Erotik: 1x Begehren im Hohelied

Ehen werden vollzogen, aber auch gebrochen. Beides wird in der Bibel ungefähr gleich oft thematisiert. Wenn da also von Sex die Rede ist, dann geht es entsprechend häufig um ethische Fragen. In dieser Hinsicht gibt es allerdings auch eine bemerkenswerte Ausnahme – nämlich das Hohelied Salomos. Dessen Verse interessieren sich ziemlich wenig für Ethik, aber umso mehr für Ästhetik! Im Zentrum steht die Freude an der Gegenwart und gerade nicht, ob das sexuelle Vergnügen in die saubere Erfüllung traditioneller Erwartungen davor und danach eingeordnet ist. Zwar erwartet man zu Recht, dass auch Verantwortung übernommen wird. Aber zum Glück beschränkt sich die biblische Botschaft nicht allein darauf! Es ist vielmehr völlig richtig (und wichtig), dass auch mal ganz ohne Vorbehalt über erotische Lust gesprochen wird.

1. Wahl: Er will mit ihr. Sie will mit ihm.

Schön bist du, zauberhaft schön, meine Freundin, und deine Augen sind lieblich wie Tauben! Stattlich und schön bist auch du, mein Geliebter! Sieh, unser Lager ist blühendes Gras, Balken in unserem Haus sind die Zedern und die getäfelten Wände Zypressen.

Hier in Kapitel 1 liegt ein verliebtes Paar in einem pflanzlichen Schlafzimmer. Beide geben einander Komplimente und es ist anzunehmen, dass sie nicht nur Händchen halten. Offenbar ist nichts dagegen einzuwenden, dass hier der Zauber körperlicher Schönheit und wechselseitiger Anziehung seinen Lauf nimmt. Warum also widerstehen? Natürlich gibt es Menschen, denen allzu leicht die Sicherungen durchbrennen. Genauso gibt es aber auch das umgekehrte Problem: Leute machen es sich zu kompliziert und haben ständig Angst, dass die Kontrolle der Vernunft über die Hormone verloren gehen könnte. Sie können nicht einmal während der Flitterwochen die Handbremse lösen (bzw. halten sich sowieso von vornherein jeden potentiellen Partner erfolgreich vom Leib). Wie viel gesünder ist da die Liebeslyrik der Heiligen Schrift und wie heilsam sind deren unverkrampfte Beschreibungen für alle, die von einer lustfeindlichen Prägung befreit werden möchten!

Geht es hier nicht ums Einswerden im mystischen Sinn?

Im Christentum ist tatsächlich der Geliebte mit Jesus und seine Freundin mit der Kirche oder der gläubigen Seele identifiziert worden. (Im Judentum finden wir eine ähnliche Übertragung auf den Gott Israels und sein Volk.) Solange man den wörtlichen Sinn dadurch nicht aufhebt, befürworte ich diese Lesart als zweiten Schritt durchaus. Für mich ist das kein Entweder-Oder! Zwar hat der christliche Glaube die Sexualität so relativiert, dass der Verzicht darauf je nach Berufung sogar bevorzugt wird. Aber gerade auch dann ist die Idee nicht, dass das Verlangen nach einer innigen Liebesbeziehung einfach unbefriedigt bleibt! 

Im Gegensatz zu anderen ist Jesus ein Lehrer, der auffällig wenig zur Enthaltsamkeit mahnt – ja, erst recht nicht bei seiner Anwesenheit als “Bräutigam” (s. Lk 5,33-35; Mt 9,14-15; Mk 2,18-20). Und auch als Single hat er uns nicht etwa ein Vorbild darin gegeben, die eigenen Bedürfnisse zu bekämpfen. Wahrscheinlich konnte er diese mit Hilfe seines irdischen Freundeskreises und seines himmlischen Vaters besser stillen als so manche, denen zu Intimität mehr oder weniger nur Geschlechtsverkehr einfällt! Ich möchte dich also zu zweierlei ermutigen: 1. Danke Gott für deinen Körper und für denjenigen deiner Frau bzw. deines Mannes, wenn er dir die buchstäbliche Anwendung des Hohelieds ermöglicht hat, und bitte um immer mehr Freiheit von falscher Scham. 2. Danke ihm aber in jedem Fall auch für die metaphorische Dimension und bitte darum, dass du ihn mit immer mehr Bewunderung anbeten kannst. Dass umgekehrt er auch dich attraktiv findet und sich zu dir hingezogen fühlt, kannst du vielleicht am wenigsten glauben. Es ist aber trotzdem wahr.

Web-Empfehlungen zum Hohelied

Auf bibelwissenschaft.de findet man einen hilfreichen Überblick. Und unter den vielen Interpretationen, in denen die Beziehung zu Gott mit passender Pop/Rock-Emotionalität zum Ausdruck kommt, gefällt mir das folgende englischsprachige Beispiel von Martin Smith besonders gut:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre inzwischen mit Etappe 6 fort und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zum Buch Rut schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Hohelied würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.