Risiko: 2 Zocker-Söhne in den Königsbüchern

Meine Hebräisch-Dozentin damals an der Uni unterrichtete kompetent mit dem Standard-Lehrbuch, das ihr Vater geschrieben hatte. Dieser musste sich also um sein Vermächtnis keine Sorgen machen. Auch der Tempel-Erbauer Salomo erwies sich als würdiger Erbe seines Vaters David. Von seiner Weisheit überzeugte sich unter anderem die schwer beeindruckte Königin von Saba (Kapitel 10 von 1. Könige). Allerdings tappt die Archäologie bis heute völlig im Dunkeln, was dieses Rendezvous und überhaupt diese beiden stinkreichen Stars anbelangt. Dass von beseitigten Gegnern (z.B. Adonija oder Joab in Kapitel 2) keine Spuren mehr zu finden sind, überrascht weniger. Historisch scheint hier aber das 10. Jh. v. Chr. sogar so wenig greifbar zu sein, dass durch bisherige Ausgrabungen nicht einmal jene namhafte Prominenz explizit bestätigt werden konnte! Im Verlauf des 9. und 8. Jahrhunderts wird es dann zum Glück heller. Und das hat wohl nicht zuletzt damit zu tun, dass auf Salomo wieder weniger sicher-friedliche Zeiten folgten. Besonders waghalsig verhielten sich dabei folgende zwei Burschen:

1. Ahab, Thronfolger des Omri

926 v. Chr. war es zur Aufspaltung in ein Südreich und ein Nordreich gekommen und man hatte zunächst noch keine finale Lösung, was die zusätzliche Hauptstadt anbelangt. Auf einem befestigten Hügel wurde sie dann endlich gefunden – Samaria. Hier war man als König des Nordens gut aufgestellt: Man konnte sich gegenüber dem aramäischen Nachbarn in Damaskus behaupten und sogar zusammen mit diesem das Zuhause verlassen, um noch weiter nördlich die Expansion des assyrischen Reiches zu bremsen. Letzteres gelang im Jahr 853 – für Salmanassar III. eine verlorene Schlacht, die er auf der (1861 ausgegrabenen) Kurkh-Inschrift allerdings als gewonnen darstellt. Trotzdem verdanken wir ihm objektive Informationen wie die Nennung des “Ahab von Israel” als Teil der gegnerischen Koalition! Wenn nun aber die historische Evaluation ergibt, dass Israel in Wahrheit auf der siegreichen Seite war – warum wird diese Schlacht dann von der biblischen Geschichtsschreibung übergangen? Nun, die Heilige Schrift kann sich offenbar nicht darüber freuen, dass Ahab die Hinterlassenschaft seines Vaters Omri erfolgreich verwaltete und den wirtschaftlichen Aufschwung weiter förderte. Mit Kapitel 22 von 1. Könige will sie der Nachwelt lieber von derjenigen Schlacht berichten, die Ahab den Tod brachte. Nicht ihn will die Bibel nämlich feiern, sondern die ihm gegenüberstehenden, wahren Propheten!

Zu dieser Minderheit kann man offenbar “Micha, den Sohn von Jimla” (V. 8) zählen. Er entlarvt die Politik Ahabs als leichtsinnig (statt sie wie der Mainstream als mutig im positiven Sinn zu bewerten) – aus einem für ihn nicht nebensächlichen Grund: Falsches Kultpersonal wird dem richtigen vorgezogen! Dieser Mangel an geistlichem Unterscheidungsvermögen rächt sich natürlich und so bringt ein beauftragter Himmelsgeist den König zu Fall (V. 22): “Ich werde als Lügengeist aus dem Mund aller seiner Propheten sprechen.” Mitverantwortlich dafür ist insbesondere auch Ahabs Frau Isebel (s. vorangehende Kapitel). Mit der letzten Silbe ihres Namens ist ein klares Hindernis für den wahren Glauben bereits genannt – der Baal aus ihrer phönizischen Herkunft und Religion. Klasse finde ich, auf welche Art sich demgegenüber der eigentliche Gott Israels durch die Propheten Elija und Elischa zu erkennen gibt – unter anderem durch rettendes Handeln zugunsten existentiell bedrohter Frauen (1 Kön 17 u. 2 Kön 4). Deren Geschichten gehen weiter – allen Schicksalsschlägen zum Trotz. Anders ergeht es der von Omri vermeintlich sicher begründeten Dynastie: Sie hört dann doch nach nur 48 Jahren wieder auf zu existieren und der Baalstempel in Samaria wird zum öffentlichen Klo (2 Kön 10; diese Art, ein Heiligtum zu entweihen, ist übrigens auch archäologisch belegt). Das Nordreich selbst konnte seinen endgültigen Untergang immerhin noch bis um 722 v. Chr. hinauszögern.

2. Hiskija, Thronfolger des Ahas

Die Zerstörung Samarias 130 Jahre nach Ahab war für Jerusalem einerseits eine erschreckende Warnung, andererseits auch eine Chance für Wachstum. Als Hauptstadt des Südreiches hatte man gegenüber Assyrien zwar die Unabhängigkeit verloren, aber durch den Zuzug von Flüchtlingen aus dem Norden auch an Stärke gewonnen. Und so kam es dann doch zum bündnispolitischen Bruch, der zu einer militärischen Ahndung durch Sanherib führte sowie zu einem Eintrag auf dessen Ton-Prismen (die später in den Ruinen von Ninive entdeckt wurden). „Hiskija vom Land Juda, der sich meinem Joch nicht gebeugt hatte…“ – so beginnt dort die Abrechnung mit dem Abtrünnigen, der die diplomatischen Errungenschaften seines Vaters Ahas wieder aufs Spiel gesetzt hatte. Erneut zeigt der Vergleich mit der biblischen Version ab Kapitel 18 von 2. Könige die unterschiedlichen Interessen bei der Darstellung. Durch die jüdische (und auch die ägyptische) Geschichtsschreibung blieb nämlich die Erinnerung erhalten, dass der Feldzug doch nicht so reibungslos ablief, wie auf den Prismen geprahlt wird!

Aus der Sicht Jerusalems reicht das offenbar bereits dafür, dass auch der eigene König als Held gefeiert werden kann. Dass dieser sich mit seinem Aufstand verzockt hat, wird zwar nicht verschwiegen (V. 14), scheint angesichts der positiven Gesamtwertung aber völlig nebensächlich zu sein. Nur in der Hauptsache wäre ein Bruch unverzeihlich – doch in dieser Beziehung gibt es die Bestnote (V. 5): “Keiner von allen Königen Judas vor oder nach Hiskija vertraute so wie er dem Herrn, dem Gott Israels.” Für dessen zentralisierte Alleinverehrung sorgte nun endlich eine radikale Kultreform und man versprach sich davon, dass es einem nicht so fatal ergehen würde wie dem Nordreich mit seiner Patchwork-Religion. Tatsächlich hatte das Südreich noch bis zum Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. Bestand. Erst die von Babylon ausgehende Expansion führte wirklich zum Untergang, indem als erster Schritt die Oberschicht ins Exil deportiert wurde (2 Kön 24; erst seit 1956 ist auch die babylonische Berichterstattung dazu entziffert und bekannt). Da dies offenbar nicht ausreichte, um den Widerstand ein für allemal zu brechen, folgte 587 v. Chr. noch einmal eine Eroberung – diesmal inklusive des allertraumatischsten Ereignisses, dass nämlich auch Salomos Tempel komplett zerstört wurde.

Tja, Game Over – hat mit heute ja nichts mehr zu tun, oder?

Nun, auch in der gegenwärtigen Zeit gibt es Leute, die durch ihre Risikobereitschaft auffallen – den einen positiv, den anderen negativ. Manche muten einem zu Lebzeiten nicht geringe Unannehmlichkeiten zu wie Hiskija, so dass ihre Leistung vielleicht erst nach dem Tod mehrheitlich gewürdigt wird. Manche erfahren von ihren Zeitgenossen fast ausnahmslos Zuspruch wie Ahab, gehen dann aber doch als Unglücksfall in die Geschichte ein. Wer sind wohl für unsere Generation die Falschen, wären aber eigentlich die Richtigen? Was gilt als Wahrheit, ist aber vielmehr Lüge? Täuscht sich gerade der Mainstream oder dieser Prophet? Ist das für den Himmel nebensächlich oder die Hauptsache?

All diese Fragen können dich entmutigen, selber auch etwas zu riskieren. Es wäre ja schon blöd, wenn sich dein Schritt des Glaubens doch nur als Schritt des Leichtsinns erweisen würde. Statt nur einem empfehle ich dir darum zwei geistliche Schritte: Unterscheiden und Entscheiden! Bei der Reichsspaltung (1 Kön 12) gebrauchte der Prophet Schemaja sein trainiertes Ohr für Gottes Stimme und er wagte es dann offenbar auch, den König damit umzustimmen – beides mit Erfolg! Sein Name ist der gewöhnlichste der gesamten Bibel und darin steckt für mich eine extrem ermutigende Aussage: Otto Normalbegabter verhindert einen Krieg! Auch du musst also kein Ausnahme- und Serientäter wie Elija oder Elischa sein, um den Weltlauf signifikant zu beeinflussen. Es reichte allein jener beherzte Auftritt von Micha (s. oben), dank dem sogar der Name seines Vaters Jimla in die Heilige Schrift einging. Sei du darum ebenso bereit für deinen historischen Moment (s. auch die Geschichte der langsam lernenden Jesus-Schüler und der deutlich schnelleren Frau in Mt 26,2-13)!

Links zu den Königsbüchern

Auf bibelwissenschaft.de kann man einen kompakten Überblick über 1. Könige und 2. Könige gewinnen. Die Doku Sturm auf Jerusalem vom ZDF hilft, sich die Hiskija-Geschichte visuell besser vorstellen zu können. Und von Bibel TV gibt es ein aufgezeichnetes Gespräch mit einer Frau, die so beeindruckend gebildet ist, dass sie auf alle möglichen Fragen zum Erbauer des ersten Tempels (und überhaupt) immer gleich eine Antwort parat hat:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Inzwischen lese ich Etappe 2 zu Ende und werde so bald wieder einen kurzen Artikel (zu den Psalmen) schreiben und hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Königsbüchern würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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