Trauma: 1x Schreien in den Klageliedern

Wie reagiert man auf eine Katastrophe? Am Karsamstag 1945 wurden in Dresden zerstörerische Luftangriffe durch eine Chorkomposition verarbeitet, die mit „Wie liegt die Stadt so wüst“ beginnt – und damit nicht zufällig gleich wie die biblischen Klagelieder Jeremias. Natürlich wurde daraus zitiert, weil dort eine ähnliche Situation vorliegt – nämlich die Zerstörung Jerusalems (587 v. Chr.) durch die zweite babylonische Eroberung. Die schwere Demütigung des jüdischen Volkes war eine Erfahrung, die im weiteren Verlauf zwar auch – wie im Buch Ester – zu heiterem Trotz führte. Aber zunächst war die Stimmung sicher vor allem sehr düster und im Angesicht des Leids stellte sich eine klassische Frage: Ist der Gott, an den wir glauben, etwa doch nicht allmächtig oder etwa doch nicht gut? Das Ganze verlangte nach Sinn, nach einer Interpretation.

Deutung Nr. 1: Gott, du kaltblütiger Mörder!

Es wäre naheliegend gewesen, die scheinbar stärkere Macht des babylonischen Gottes Bel-Marduk anzuerkennen. Aber interessanterweise waren die alttestamentlichen Autoren dazu am wenigsten bereit. Für sie konnte die Niederlage keinesfalls daran liegen, dass der Gott des jüdischen Volkes gegenüber demjenigen Babylons unterlegen war. Also blieb nur übrig, dass sie die Güte ihres Herrn in Frage stellten. Genau das geschieht in Kapitel bzw. Lied 2, das mit folgender Anklage aus dem Mund der personifizierten Stadt Jerusalem endet:

Sieh doch, Herr, schau her zu mir! Bedenke, wem du das alles antust! Sollten Mütter ihre Kinder essen, die Kleinen, die sie auf Händen trugen? Durfte man Priester und Propheten töten, sogar in deinem Heiligtum? Hingestreckt in den Staub der Gassen liegen Kinder und alte Leute; meine Mädchen und jungen Männer sind dem Schwert zum Opfer gefallen. Am Tag, an dem dein Zorn mich traf, hast du sie mitleidslos hingeschlachtet. Alle Schrecken, die mich überfielen, riefst du wie zu einem Fest zusammen. An jenem Tag, Herr, als dein Zorn losbrach, blieb niemand verschont, ist keiner entkommen. Die Kinder, die ich aufzog und umsorgte – der Feind hat sie alle ausgelöscht.

Diese Worte gehören heute in jüdischen Bibelausgaben zu dem Teil, wo auch die (ebenfalls häufig klagenden) Psalmen und andere poetische Schriften eingeordnet sind. In christlichen Ausgaben befinden sie sich jedoch dort, wo man die prophetischen Bücher zusammengestellt hat. Zu den sprachlichen Gemeinsamkeiten mit diesen gehört hier insbesondere die Rede vom Tag des Herrn. Propheten wie Jeremia hatten einen Gerichtstag angekündigt, während andere lieber Schönwetter-Prognosen abgaben. Was wahre und was falsche Prophetie war, ist im Rückblick nun klar: Den Zorn unseres Gottes hätten wir tatsächlich ernst nehmen sollen! Trotzdem bleibt unbegreiflich, wie der Herr seinem Volk gegenüber derart feindlich werden konnte. Egal wie massiv die Schuld – es können doch nicht ausnahmslos alle Menschen der Stadt inkl. Kinder dafür verantwortlich gemacht werden!

Genau – wie kann man so überhaupt noch glauben?

Nun, ohne Hoffnung auf einen sich wieder erbarmenden Gott wäre alles offenbar erst recht nicht zu bewältigen gewesen. Auch bei ähnlichen Erfahrungen heute ist die Lösung nicht Atheismus, sondern eine reifere Theologie. Damals war es die sogenannte Zionstheologie, die sich als zu einfach herausstellte: Jerusalem als uneinnehmbarer Wohnort des Herrn und seiner Gerechtigkeit? Tja, der Gerechte konnte im Extremfall auch eine andere Stellung beziehen – nämlich völlig gegen seine Stadt und das angehäufte Unrecht darin!

Auch 70 n. Chr. gab es einen Tag des göttlichen Zorns – die römische Zerstörung des wiederaufgebauten Tempels von Jerusalem. Diesmal war Jesus der Prophet, der das im Vorfeld ankündigte. Allerdings hat er viel mehr als nur das getan, indem er durch seinen Tod und seine Auferstehung zum Retter aus dem Strafgericht geworden ist (s. Röm 5,8-10): Gegenüber unserer Sünde und Feindschaft hat Christus den Beweis für Gottes stärkere Liebe und Annahme erbracht! Diese Theologie der Versöhnung ermöglicht mir einen Glauben, der nicht billig ist. Sie beschreibt die Wirklichkeit so ausgewogen, dass ich sowohl den guten als auch den unbegreiflichen Herrn wahrnehmen kann. Von beiden Seiten geht dabei eine Einladung zum Gebet aus – nämlich dazu, mich bei Gott über alle möglichen Zumutungen zu beklagen und gerade dadurch mein Vertrauen ihm gegenüber zum Ausdruck zu bringen. Vielleicht möchtest auch DU das ja gleich heute noch tun?

Web-Empfehlungen zu den Klageliedern

Auch aus den anderen vier Kapiteln bzw. Liedern dieses biblischen Buches gäbe es inhaltlich bemerkenswerte Verse, die eine Vorstellung hier verdient hätten. Ich verbleibe jedoch mit dem Hinweis, wie man wenigstens einen Überblick kriegen kann – nämlich durch den (sehr knappen) Bibelkunde-Artikel von bibelwissenschaft.de oder (etwas ausführlicher) durch folgenden Youtube-Clip von Das Bibel Projekt (unter 8 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre inzwischen mit Etappe 6 fort und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zum Buch Jeremia schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Klageliedern würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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