Humor: 1x Abgedrehtes im Buch Ester

Lachen tut gut – gerade auch, wenn eigentlich Weinen an der Tagesordnung ist. Das jüdische Volk stand immer wieder vor der Frage, wie es mit Erfahrungen der Fremdbestimmung und Anfeindung umgehen soll. Eine Möglichkeit ist, die herablassenden Herren in ihrer ganzen Peinlichkeit vorzuführen – so wie Ester im nach ihr benannten Buch. Als Jüdin im Zentrum des persischen Reiches bietet sich ihr nämlich genau diese Gelegenheit. Und so leistet sie ihren ganz besonderen Beitrag zur jüdischen Geschichte – im Ausland, weit weg von Jerusalem. Beim Buch Rut ist es ja umgekehrt – dort wird die Zukunft von Juda dadurch mitgeprägt, dass eine Ausländerin da eine neue Heimat findet. Gott erscheint in der Bibel also als Wiederholungstäter: Irgendwie findet er es witzig, ab und zu mit einer Chaos-Kandidatin die herrschende Ordnung aufzumischen.

Rang 1: König oder Königin?

Noch bevor Ester die Bühne betritt, kann man seine Lachmuskeln mit Kapitel 1 gleich schon mal testen. Die Vorgeschichte beinhaltet nämlich den amüsanten Grund, warum in der Stadt Susa eine neue Königin gesucht wird: Nachdem der persische König zusammen mit den führenden Männern schon ein halbes Jahr lang (!) Party gemacht hat, wird das exklusive Feiern nach unten geöffnet – bis zum geringsten Bewohner des Palastbezirks. Parallel zu diesem allgemeinen Flatrate-Saufen des einen Geschlechts findet zudem noch ein separates Fest für die Frauen statt. Und von dort soll nun am letzten Tag die Königin Waschti geholt werden, damit sie in ihrer ganzen Schönheit vor dem König und seinen Gästen erscheint. Waschti reagiert aber mit Befehlsverweigerung – was nach Ansicht eines königlichen Ratgebers eine gefährliche Kettenreaktion im ganzen Reich auslösen würde, wenn die Frauen weiterhin eine so respektlose Königin zum Vorbild hätten (Verse 16-20). Und so wird daraufhin in allen Provinzen bekannt gemacht, dass nun eine würdigere Kandidatin an Waschtis Stelle gesetzt werden soll.

Genau so, wie alles begonnen hat, geht es allerdings auch weiter: Der König bleibt eine taumelnde Witzfigur und wird höchstens noch von seinem ersten Minister Haman übertroffen. Dieser wird zum Feind von Esters Cousin Mordechai und überhaupt vom jüdischen Volk. Erst recht bleibt also auch ihm die Rolle des Vollidioten nicht erspart (Kapitel 6). Egal ob die Kerle vergnügungssüchtig oder wichtigtuerisch sind – Ester ist immer in der Lage, aus solchen Schwächen für sich und ihr Volk einen Nutzen zu ziehen. Im Gegensatz zu ihrer Umwelt treibt sie nicht die Sorge um, dem König oder anderen führenden Männern auch wirklich zu gefallen. Wie Micha gegenüber Ahab beeindruckt sie durch ihr selbstsicheres, unerschrockenes Auftreten – freilich auf ihre ganz andere, nämlich diplomatische Art. Im Judentum wird ihre Geschichte mit dem feuchtfröhlichen Fest Purim – hebräisch für das (von Haman geworfene) “Los” (Kapitel 3 und 9) – darum jedes Jahr neu gefeiert.

Und was ist mit dem Ende der Geschichte?

Das Ganze geht dann doch nicht mit Diplomatie, sondern mit Tausenden von Toten aus. Haman wird nämlich am Galgen aufgehängt und Mordechai erlaubt mit königlicher Vollmacht die präventive Vernichtung aller, die ihm und überhaupt dem jüdischen Volk nach dem Leben trachten. Ob das eine gelungene Pointe ist, darf hinterfragt werden. Auch für meinen Geschmack sollte ein Triumph, der gute Laune macht, ohne derartige Rache auskommen. Allerdings kann man auch das Finale noch einmal als sarkastische Herrschaftskritik lesen: Weil Hamans Verfügung mit dem Siegel des Königs nicht mehr zurückgenommen werden kann, soll durch ein weiteres Diktat ein Ausweg gefunden werden. Und selbst Mordechai fällt wieder nur der Mythos der erlösenden Gewalt ein! Anders ist es freilich im Neuen Testament – insbesondere in der Passionserzählung, wo Herren wie Pilatus von Jesus vorgeführt werden. Aber im Alten Testament bleiben die meisten Männer weit hinter Ester und ihren alternativen Lösungsansätzen zurück.

Wie nahe kommst DU dieser jüdischen Heldin? Wie verhältst DU dich gegenüber denen, die in dieser Welt die Macht haben? Die Menschen, welche die Jesus-Alternative weiterführten, beteten um Kraft für ihren zivilen Ungehorsam (s. Apg 4,23-31). Wie Ester machten sie sich nicht davon abhängig, den führenden Männern zu gefallen. Mich begeistert das und ich möchte auch dich ermutigen, (überhaupt oder noch mehr) diese Freiheit zu suchen – auch wenn dir das nicht nur Vergnügen bereitet. Wer aber zuletzt lacht, lacht bekanntlich am besten!

Online-Ressourcen zum Buch Ester

Auf bibelwissenschaft.de findet man einen hilfreichen Überblick. Das Bibel Projekt bietet auf Youtube ebenfalls eine Zusammenfassung, die grafisch besonders nett aufbereitet ist – und zwar hier (knapp 10 min). Und von Bibel TV gibt es dazu ein Interview mit einer Frau, die ebenfalls Jüdin ist (45 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre inzwischen mit Etappe 6 fort und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zu den Klageliedern (des Jeremia) schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Buch Ester würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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