Gemeinde: 1x Leiten im Titusbrief

„Jesus – ja, bitte! Bodenpersonal – nein, danke!“ So lautet die Kurzformel für viele Leute, wenn es ums Christentum geht. Für diejenigen, welche die Kirche repräsentieren, ist die Latte hoch gelegt – so bereits im Brief an Titus. Man erwartet von ihnen geradezu ein geistliches Superheldentum, obwohl das nach wie vor nur der Meister in Person erfüllen kann. Oder man erwartet von ihnen umgekehrt eine derart allzumenschliche Volksnähe, dass sie sich keinesfalls auf irgendeine Weise vom Rest abzuheben haben. Enttäuschung ist also vorprogrammiert. Allerdings funktioniert ein radikal individualisierter und privatisierter Glaube erst recht nicht – jedenfalls wäre es dann nicht mehr der biblische, zu dem ja eindeutig eine soziale Ausdrucksform gehört. Die Lösung mag man dann in einer egalitär-charismatischen Gemeinschaft sehen, in der es keine Hierarchie und nur die Autorität des Heiligen Geistes geben soll. Doch auch dort kommt man am Ende nicht um die zwischenmenschliche Klärung von Führungsfragen herum – und je später diese Erkenntnis, desto schmerzhafter. Wer die Augen hier also nicht zumacht, ist im Vorteil.

Team 1: Gottes Hausverwaltung

Manchen wäre eine Bibel ohne Tit 1,5-9 lieber. (In der Wissenschaft gibt es darum einen einfachen Trick: Es sei eine historische Fiktion, dass Paulus so einen Brief nach Kreta geschrieben habe. Und schon hat man einen störenden Text in seiner Bedeutung herabgestuft.) Nun wirft es ja auch wirklich allerhand Fragen auf, wen Titus da in jeder Stadt einsetzen soll (Vers 5): Sie werden „Älteste“ genannt – wobei hier wörtlich eigentlich nicht der Superlativ, sondern der Komparativ „Ältere“ steht (griechisch: Presbyteroi – woher unser Wort „Priester“ kommt). Diese sollen eine führende Rolle ausüben, während ein unreifer Mensch sich nicht als „Gemeindeleiter“ eignet (V. 7) – wobei hier wörtlich „Aufseher“ steht (griechisch: Episkopos – woher unser Wort „Bischof“ kommt). 

Der genaue Blick auf die ursprünglichen Begrifflichkeiten ist wichtig. Hier wird nämlich NICHT eine heilige Struktur mit Positionen und Titeln eingeführt. Die amtskirchliche Pyramide, bei der ein starker Mann einsame Spitze sein soll, ist eine spätere Entwicklung! Vielmehr sind die biblischen Anfänge kollegial im Sinne eines Leitungsgremiums. Und für dieses gilt die klar formulierte Funktion (V. 9), „die Gemeinde auf dem rechten Weg zu halten und den Gegnern ihren Irrtum nachzuweisen.“ Die Anforderungen an die persönliche Reife sind also von daher zu verstehen. Es geht nicht um einen exklusiven Status höherer Weihe und besonderer Frömmigkeit, sondern um pragmatische Logik: Nur wer selbst das Gute und Gerechte liebt (V. 8), wird auch die Gemeinde auf diesem rechten Weg halten können. Wer aber bereits den eigenen Kindern die Entscheidung z.B. gegen eine liederliche Heiratspraxis wenig überzeugend vorlebt (V. 6), wird den Gegnern diesen Irrtum erst recht nicht nachweisen können.

Wer kann überhaupt den kompletten Eignungstest bestehen?

Gute Frage! Wenn ich die Checkliste mit den Lastern und Tugenden durchgehe, bin ich auch noch längst nicht in allen Punkten tadellos und vorbildlich. Bei Jesus Christus geht es aber weniger um Einzelgesetze und schon gar nicht darum, wer im Vergleich zu anderen die meisten davon erfüllt (s. Gal 6,2-6): Beim christlichen Glauben kann zwar unterschieden werden zwischen denen, die in ihm unterwiesen werden, und den Lehrenden. Der Unterschied besteht aber nicht darin, dass die einen noch an etwas zu tragen haben und die anderen nicht mehr. Das Tragen verschiedener Lasten ist vielmehr etwas Anhaltendes, Wechselseitiges, Gemeinschaftliches! Für die obige Funktion geeignet ist also einfach, wer sich entsprechend prüft und sich dabei nicht selbst betrügt.

Auf jeden Fall unverhandelbar ist für Paulus, die Liebe zum Guten wirklich zu praktizieren und nicht nur zu predigen. Auch Titus wäre wohl nicht Mitarbeiter des Apostels geworden, wenn er diese Qualifikation nicht mitgebracht hätte. Wie ist das bei DIR? Vielleicht willst du – aus nachvollziehbaren Gründen (s. oberster Abschnitt) – ja auch gar nicht gemeindliche Verantwortung übernehmen. Vielleicht gehörst du aber sehr wohl zu den Hingegebenen, die es trotzdem tun. Dann kann ja eine kleine Selbstprüfung nicht schaden: gastfreundlich oder sich bereichernd, gewalttätig oder besonnen, jähzornig oder beherrscht… – wo bist du bereits selbst die Botschaft und wo hast du zwar eine, kannst sie aber noch nicht authentisch und glaubwürdig vermitteln? Ich bete, dass der Heilige Geist dir jetzt etwas aufzeigt und du seine verändernde Heilungskraft erlebst! Aber auch wenn es dich zunächst weiter belastet – du bist bedingungslos geliebt und getragen!!

Links zum Titusbrief

Einen inhaltlichen Überblick kann man sich auf bibelwissenschaft.de mit dem entsprechenden Bibelkunde-Artikel verschaffen. Das Bibel Projekt hat zudem ein kurzes Video (unter 9 min) veröffentlicht und von Crosspaint gibt es einen sogar noch mehr vereinfachten Clip (unter 4 min). Wer seine Erkundung des Briefes mit einem weiteren Text daraus abrunden will, bekommt auf dem Youtube-Kanal von Gerth Medien (als Werbung für einen Paulus-Film) noch ein paar schöne Verse vorgelesen (2 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre inzwischen mit Etappe 8 fort und werde so demnächst einen kurzen Artikel zu den Timotheusbriefen schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Titusbrief würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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