Nachfolge: 3 Phasen im Johannesevangelium

In meinem ersten Blogartikel zum Evangelisten Johannes habe ich dessen Verständnis, worin die Mission von Jesus besteht, nachzuzeichnen versucht. Diese Mission ist seither zwar nicht selten zu einem Machtinstrument pervertiert worden, ihren originalen Charakter haben aber auch nicht wenige uneigennützig Dienende sinngetreu kopiert. In diesem Artikel möchte ich nun den typischen Werdegang solcher Menschen des Glaubens und der Liebe beschreiben, wie man ihn auch bereits in der frisch gegründeten Schule des Lehrers Jesus erkennen kann. Offensichtlich geht es da um einen Lernprozess, bei dem eine geradlinige Entwicklung eher nicht zu erwarten ist. Vielmehr deuten folgende drei Stationen darauf hin, dass ein Zickzack-Kurs ganz normal ist.

1. „Wir haben gefunden!“

Joh 1,35-51 berichtet von ersten Begegnungen mit Jesus: Johannes der Täufer, an dem sich ein Mann namens Andreas orientiert, hat in Jesus „Gottes Opferlamm“ (Vers 36) erblickt. Andreas geht darum mit Jesus und sieht, wo dieser wohnt. Simon, der Bruder von Andreas, wird später auch zu Jesus mitgenommen und von diesem Petrus genannt. Jesus trifft unterwegs zudem Philippus, der aus demselben Ort wie Andreas und Petrus stammt, und ruft ihn in die Nachfolge (V. 43). Philippus erzählt wiederum dem zunächst skeptischen Nathanael, man habe das Geschriebene von Mose und das Angekündigte der Propheten in Jesus aus Nazareth entdeckt. Am Ende kann aber auch Nathanael rufen (V. 49): „Rabbi, du bist wirklich Gottes Sohn! […] Du bist der König von Israel!“

Ob Gottes Opferlamm oder König von Israel – die begeisterte Verwendung solcher Titel ist für die anfängliche Phase der Konstruktion kennzeichnend: „Wir haben den Messias gefunden“ (V. 41). Petrus wäre wohl kaum mit seinem Bruder mitgegangen, wenn dieser stattdessen gesagt hätte: „Wir – wobei: man kann ja letztlich nur für sich selbst sprechen – also ich habe – kann man das überhaupt so ein für alle Mal sagen? – also ich bin gerade am Finden von diesem Messias – naja, zumindest messianisch auf mich wirkenden Menschen…“ – nein, so funktioniert das natürlich nicht! Es ist vollkommen richtig und wichtig, einen einfachen Satz wie „Jesus ist unser Retter!“ sagen zu können. Wer das hört, kann sich zwar erst einmal einen herbeifantasierten Wunsch-Retter konstruieren – aber egal: Jesus geht das Risiko gerne ein, zunächst Projektionsfläche zu sein und am Anfang vielleicht falsche Erwartungen zu wecken! Ja, wer will denn nicht „noch viel größere Dinge“ (V. 50) sehen? So viel pointiertes Werbetexten darf auf jeden Fall sein.

2. „Ich gehe.“

Joh 14,1-14 gehört zu einem mehrere Kapitel langen Redeblock, mit dem sich Jesus von Petrus & Co. verabschiedet: Thema ist der Weg zum göttlichen Vater, in dessen Haus die „Wohnungen“ (Vers 2) vorbereitet werden sollen. Jesus thematisiert zudem die Wahrheit, um die man im Glauben bittet und die im Tun sichtbar wird (V. 12): „Wer an mich glaubt, wird die gleichen Taten vollbringen wie ich – ja sogar noch größere; denn ich gehe zum Vater.“ Ja, mit dem Weg und der Wahrheit meint Jesus offenbar sich selbst (V. 6): „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben! Ohne mich kann niemand zum Vater kommen.“ Und diesen kann man schon jetzt kennen, wie Jesus verdeutlicht (V. 9): „Wer mich gesehen hat, der hat auch den Vater gesehen.“

Jesus, das Leben – auch hier mangelt es nicht an besonderen Be-/Auszeichnungen und es werden wieder gesteigerte Erwartungen geweckt. Trotzdem hat nun aber bereits die Phase der Dekonstruktion begonnen: Philippus bringt Unzufriedenheit zum Ausdruck (V. 8), Thomas mangelndes Wissen (V. 5). „Seid nicht bestürzt und habt keine Angst!“ (V. 1) – das bräuchte Jesus ja nicht zu sagen, wenn die Stimmung immer noch so erwartungsfroh   wäre. Sein Abschied ist zwar nicht das Letzte (V. 3), aber auch als Vorletztes eine unerfreuliche Nachricht. Die Wegbeschreibung zum Vater hat man sich offensichtlich anders vorgestellt. Und was bedeutet für Jesus eigentlich, das Wahre zu glauben und zu tun? Stehen da vielleicht unterschiedliche Annahmen im Raum? Ja, es besteht wohl Klärungsbedarf – denn mit diesem Weggang von Jesus hat man nicht gerechnet, schon gar nicht via eine restlos alle Hoffnungen dekonstruierende Passion.

3. „Sorge für meine Lämmer!“

Joh 21,15-23 ist ein Gespräch zwischen Petrus und Jesus, der hier als Auferstandener für eine allerletzte Zugabe erschienen ist: Noch einmal geht es um die Wahrheit und darum, dass jemand gehen wird – nämlich Petrus, unfreiwillig (Vers 18). Damit hängt nun ein bemerkenswerter Wortwechsel zusammen. Jesus beginnt mit der Frage, ob Petrus ihn liebe (V. 15) – und zwar mehr als z.B. der auch anwesende Thomas oder Nathanael. Es folgt die „Ja, Herr“-Antwort von Petrus. „Dann sorge für meine Lämmer“ – so die Reaktion wiederum von Jesus. Das Ganze wiederholt sich – nicht in gleicher, aber ähnlicher Formulierung – ein zweites (V. 16) und drittes (V. 17) Mal.

Herr – allein so wird Jesus hier bezeichnet/betitelt. Und kann Petrus die gesteigerten Erwartungen an seine Liebe wirklich erfüllen? Zu beobachten ist hier offenbar die Phase der Rekonstruktion – man ist nüchterner geworden und doch führt das nicht zwangsläufig zum Aufgeben: Das Ende der Geschichte ist für Petrus ein neuer Anfang! Wie bei einer Erstbegegnung durchbricht Jesus mit seinem „Folge mir nach!“-Ruf (V. 19) einmal mehr das bisher Gewohnte – auch da inklusive Wiederholung (V. 21). Petrus soll also einerseits Gottes Opferlamm folgen und selbst für ein zukünftiges Leiden und Sterben als Märtyrer bereit sein. Bis dahin soll er andererseits dem fürsorglichen Hirten folgen und für dessen Schafe selbst ein Hüter werden. Ja – das wiederkehrende Hast-du-mich-lieb-dann… rekonstruiert Jesus für Petrus als einen geduldigen Herrn, mit dem er wirklich überallhin gerne weitergeht.

Und auch ICH sollte also Jesus egal wohin folgen – wirklich?

Ok – das klingt tatsächlich zunächst nach dem Gegenstück zur Autowerbung, wo die verlockende Botschaft lautet: Mit diesem Wagen bist du maximal unabhängig und kannst nur noch auf den von dir gewünschten Panoramastrecken herumkurven! Nach Phase 1 (Kauf, erste Panoramafahrt…) kommt aber auch da ziemlich schnell Phase 2 (Stau, kein freier Parkplatz, Mautgebühr, steigende Treibstoffpreise…) und plötzlich fühlst du dich maximal abhängig. Wenn es also überhaupt eine menschliche Freiheit gibt, dann nur das Wählen zwischen unterschiedlichen Wegen der Abhängigkeit. Und da ist mir jedenfalls am liebsten, dass ich mich mit meinem Leben an (die Fersen von) Jesus hänge – und mich auf dessen Weg dieser Freiheit eines Christenmenschen sogar wirklich nähere!

Wer zuletzt lacht, lacht am besten – wie eine Frau, bei der die Freude über die Geburt ihres Kindes jegliche Traurigkeit davor auflöst (s. Joh 16,20-22). Darum: Weinen und Klagen, Angst und Schmerzen – all das und noch mehr hat Jesus durchgemacht und es ist schon eine berechtigte Frage, ob wir ernsthaft in solche Spuren treten wollen. ABER man kann auch andersherum fragen: Was für ein Vorgeschmack des Glücks im Letzten erlebten wohl Leute wie Petrus, dass sie dafür alles Schwere im Vorletzten bis hin zum Martyrium in Kauf nahmen? Ich selbst habe ja auch nur eine entfernte Ahnung davon – aber das Wenige reicht mir, um auch DIR diese Erfahrung von Herzen zu wünschen. Egal was dich wie Nathanael am Anfang skeptisch (1), wie Philippus mit der Zeit unzufrieden (2) oder wie Petrus am Ende nüchterner (3) stimmt – in welches Neuland auch immer Jesus voranschreitet, ziehe mit!

Youtube-Favoriten zum Johannesevangelium

Auf dem Kanal vom Projekt Worthaus gibt es tolle Videovorträge – einen über die ersten vier Sätze des Johannesevangeliums (75 min) und einen darüber, worin sich Johannes von den anderen Evangelisten unterscheidet (90 min). Es gibt dort zudem eine ausführliche Einführung – portioniert in Teil 1 (72 min) und Teil 2 (61 min). Bei Sommers Weltliteratur to go findet man weniger Tiefe, aber dafür eine lustig mit Playmobil-Figuren inszenierte Kurzversion des Evangeliums (11 min):

Das war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf biblische Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich selbst lese die Bibel gerade nach meinem Vertiefungsleseplan In 5 Etappen durch die Bibel und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zum Buch Genesis schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Johannesevangelium würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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