Hilflosigkeit: 3x Notruf in den Psalmen

Wie oft hat man doch die Frage „Alles in Ordnung?“ schon mit einem unehrlichen „Jaja.“ beantwortet! Erst in einem geeigneten Rahmen wird ein „Nein – und zwar darum nicht, weil…“ möglich. Es braucht z.B. Zeit und ein Gegenüber, dem man sich auch wirklich anvertrauen kann und will. Und oft braucht es zuerst ein Zerbrechen des Stolzes, wenn man sich selbst bis zu diesem Punkt immer für stark gehalten hat. Die Bibel präsentiert uns auf einer Fülle von Seiten genau das – Menschen, die am Ende sind und sich bei Gott auskotzen. Worüber? Bei den Gebeten und Liedern im Buch der Psalmen kann man folgende drei Arten unterscheiden, auf die dort wiederholt (an)geklagt wird.

1. Gott-Klage

Gott, du bist so weit weg! Komm doch, mein Gott, hilf mir schnell!

In Psalm 71 (wo es um Schutz im Alter geht) wird deutlich: Beten setzt im Gegensatz zu einem Selbstgespräch voraus, dass man auch wirklich gehört wird. Die maximale Trostlosigkeit kommt also dann zum Ausdruck, wenn nicht einmal dieser Trost mehr sicher ist. Ist Gott vielleicht gar nicht in Rufweite? Und wenn doch – warum kann ich dann immer noch keine Erhörung meines Anliegens erkennen? Für den Propheten Jeremia war besonders schlimm, dass er beim Klagen sogar Gottes Antwort kannte. Für die Leute von Jerusalem bestand nämlich ausdrücklich keine Aussicht mehr darauf, dass die drohende Eroberung Jerusalems durch Hilfe von oben doch noch verhindert würde. Und so finden wir dann in Psalm 79 auch die verzweifelten Fragen eines ganzes Volkes, das mit dem (Nicht-)Handeln seines Herrn hadert:

Wie lange noch, Herr? Willst du für immer zornig auf uns sein? Willst du weiterwüten wie ein Feuer?

2. Ich-Klage

Ich habe allen Mut verloren, mit meiner Kraft bin ich am Ende.

Auf den fragenden Blick in Richtung Gott folgt – wie auch in Psalm 143 – in der Regel der Blick auf die persönliche Situation. Es wird eingestanden: Ich bin überfordert! Dahinter steckt die Hoffnung darauf, dass sich Gott (letztlich doch noch) erbarmt. Diesem einfach eine Absage zu erteilen, ist (trotz aller Fragezeichen) offenbar keine Alternative. Eher findet man dann doch bei sich selbst einen Grund dafür, dass man geschwächt ist. Im Zweifelsfall ist der Mensch im Unrecht und nicht Gott. Ein solches Bekennen finden wir z.B. in Psalm 38, wo die beklagte Erfahrung von Krankheit zur Erkenntnis von Sünde geführt hat:

Meine Schuld ist mir über den Kopf gewachsen; sie wiegt zu schwer, ich kann sie nicht mehr tragen.

3. Feind-Klage

Herr, höre doch, wie unsere Feinde dich verhöhnen! Sie missachten dich und lästern deinen Namen.

Dass bei der Situationsbeschreibung in Psalm 74 auch Lästermäuler vorkommen, ist keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn geklagt wird, sind fast immer auch irgendwelche Feinde involviert – entweder weil sie das Leid physisch verursacht haben oder weil sie das Leid durch Hohn psychologisch verstärken. Auch hier wird gehofft, dass dies letztlich Gott selbst provoziert und zum Eingreifen bringt. Dieser hatte ja etwa auch für Joschafat den Kampf übernommen, nachdem der König angesichts feindlicher Bedrohung gebetet hatte. Und so wird in Psalm 12 gegen doppelzüngige Leute ein Gott angerufen, der sein Wort hält:

Herr, bring sie zum Schweigen, diese Schmeichler! Stopf ihnen das Maul, diesen anmaßenden Schwätzern!

So viel Negatives…behält man nicht besser eine positive Sicht?

Man kann die Gottes-, Menschen- und Feindbilder hier auf jeden Fall hinterfragen: Ein Herr, der wütend auf sein Volk ist? Eine sündige Person, die ihre Krankheit verdient hat? Leute, die man wegen ihres Geschwätzes verwünschen darf? Gerne stuft man das dann als alttestamentlich herab und weist demgegenüber auf Jesus hin, der sogar für seine Verfolger betete. Aber so einfach ist es nicht! Gerade der betende Jesus wird uns auch anders präsentiert – nämlich mit abgrenzenden Worten gegenüber der Welt im Allgemeinen und gegenüber dem Verräter Judas im Besonderen (s. Joh 17,5-12).

Im Neuen Testament finden wir also zweierlei – einerseits ertragende Nachsicht mit den Unwissenden, andererseits strenge Kritik an lockeren (insbesondere lehrenden) Zungen beispielsweise. Scharfe Polemik durfte sich also auch Luft verschaffen – für mich ein Zeichen emotionaler Gesundheit. In der gesamten Bibel und insbesondere in den Psalmen kommen alle heiligen und unheiligen Gefühle zur Sprache! Manche halten es für fromm, ihre schlechte Stimmung zu unterdrücken bzw. zu überspielen. Sie mögen sich zwar korrekt und selbstbeherrscht vorkommen, wirken dadurch aber weder authentisch noch vertrauenserweckend. Das machst DU hoffentlich besser! Wenn dir also gerade danach ist, (1) mit dem Herrn zu hadern oder (2) die eigene Schwäche einzugestehen oder (3) gegen Leute statt für sie zu beten – formuliere jetzt deine unzensierte Klage!!

Psalmvertonungen auf Youtube

Vom englischsprachigen Projekt The Shiyr Poets gibt es eine ergreifende Interpretation von Ps 12, aber auch von Ps 17. Und auf dem Kanal von Gerth Medien findet man folgende Version von Ps 80, die aus dem Holländischen ins Deutsche übersetzt ist:

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich nehme nun als Nächstes Etappe 7 in Angriff und werde so in einigen Wochen einen kurzen Artikel zu den Petrusbriefen schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Notruf-Psalmen würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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