Lehre: 2x Abwegiges in den Timotheusbriefen

Als Bewahrerin der Botschaft von Jesus ist die Kirche nach wie vor gefragt – z.B. wenn bei gesellschaftlichen Spannungen wieder mal die Erinnerung an christliche Werte wie Versöhnungs- oder Opferbereitschaft notwendig erscheint. Als Bewahrerin dogmatischer Rechtgläubigkeit ist die Kirche hingegen deutlich weniger erwünscht – so wirkt sie jedenfalls alles andere als herzerwärmend und sympathisch! In den Briefen an Timotheus ist das oberste Ziel allerdings offenbar gerade nicht, einen Beliebtheitswettbewerb zu gewinnen. Blumige Worte darüber, was die Menschheit verbindet und zusammenhält, sind jedenfalls nicht das Hauptanliegen. Vielmehr wird unverblümt ausgebreitet, was nicht allen gemeinsam ist – nämlich die Erkenntnis der Wahrheit und die “Frömmigkeit” (griechisch: Eusebeia; in der Guten Nachricht Bibel auch mit “den Willen Gottes tun” oder “sich im Gehorsam gegen Gott üben” umschrieben). Interessant ist dabei, dass man vom Glauben gleich in zwei komplett entgegengesetzte Richtungen abirren kann.

1. Warnung vor den Enthaltsamen

In 1 Tim 4,1-11 begegnen wir einem Grundproblem, das Timotheus vor keine leichte Aufgabe stellte: Wie “in den letzten Tagen” (Vers 1) zu erwarten, hatten “scheinheilige Lügner” (V. 2) manche verführt – und zwar mit (über die Anfänge der Welt spekulierenden) Mythen (Vers 7). Statt alles Geschaffene als gut zu betrachten und es mit Dank zu empfangen, werteten sie es ab und lehnten darum das Heiraten sowie bestimmte Speisen ab (V. 3-4). Timotheus soll dem als “guter Diener von Jesus Christus” (V. 6) das göttliche Wort (V. 5 u. 9) entgegensetzen. Er soll allen einschärfen, dass Gott der Retter ist (V. 10-11). Und das gilt (nicht nur für das zukünftige, sondern) gerade auch für dieses Leben, so dass der Nutzen körperlicher Entbehrungen insgesamt sehr fragwürdig ist (V. 8).  

Asketische Übungen können dadurch motiviert sein, dass man sich selbst aus einem leidigen Diesseits in ein unbeschwertes Jenseits retten will. Eine so negative Sicht des Gegenwärtigen, Erschaffenen, Leiblichen ist zutiefst unhebräisch – obwohl nach all den alttestamentlichen Erfahrungen leidvoller Fremdherrschaft das Endresultat eine solche Perspektive hätte sein können! Stattdessen zeigt etwa das Hohelied, wie positiv man gegenüber irdischen Freuden eingestellt blieb. Diese gesunde Tradition hatte in der griechischen Welt jedoch einen schweren Stand. Die dortige Vergeistigung machte anfällig für ein gestörtes Verhältnis zum Physischen – entweder in der beschriebenen Form oder dann im anderen Extrem, wie der folgende Text zeigt.

2. Warnung vor den Zügellosen

In 2 Tim 3,1-9 ist die Situation zunächst ähnlich wie im obigen Fall: Wieder wird mit endzeitlicher Begründung (Vers 1) auf Menschen hingewiesen, bei denen nur Scheinheiligkeit (im Gegensatz zu innerer Kraft) vorhanden ist (V. 5). Diesmal ist allerdings von Männern die Rede, die (von Leidenschaften umgetriebene und darum) lernunfähige Frauen für sich zu gewinnen suchen (V. 6-7). Sie wollen ihre eigene Lust vermehren – statt Gott Freude zu machen (V. 4). Sie sind unbeherrscht – statt (das Gute) zu lieben (V. 3). Sie sind geldgierig – statt dankbar zu sein (V. 2). Und sie sind unverständig wie die ägyptischen Zauberer (mit den im Judentum überlieferten Namen Jannes und Jambres), die sich Mose widersetzten (V. 8-9).

Das Herabsehen auf das Körperliche und Weltliche kann auch zu dieser Einstellung führen: Da es nur auf das Immaterielle ankommt, ist der Umgang mit dem Irdischen egal. Statt also vor Versuchungen durch das andere Geschlecht oder durch Moneten zu fliehen, leistet man den eigenen Trieben gar nicht erst Widerstand. Von einer solchen Position distanziert sich jedoch das Alte Testament ebenso entschieden, wenn etwa beim Propheten Hosea eine Prostituierte zum Symbol für die korrupte Stadt Samaria wird. Das Volk Israel gab sich nämlich mit seinem einzig(artig)en Gott nicht zufrieden – wo doch gerade Genügsamkeit ein wichtiger Grundwert wäre, der auch den Umgang mit Sexualität oder Besitz bestimmen sollte. Und im Neuen Testament ist das nicht anders.

Ich finde solche Pauschalurteile zum Lebensstil schwierig – du nicht?

Wie schon im Titusbrief werden hier Leute als reifer oder weniger reif beurteilt, was viele von uns heute als richtende Ungleichbehandlung empfinden und vermeiden möchten. (Auch diese störenden Texte sind deshalb an vielen Universitäten herabgestuft worden – mit dem Argument, dass hier die historische Situation eine in Wirklichkeit viel spätere sei und somit nur fiktive Schreiben im Namen von Paulus vorlägen.) Ja – auch ich schaue lieber jeden Fall individuell an, statt irgendwo eine generelle Linie zu ziehen. Allerdings geht es bei Timotheus offensichtlich gerade nicht nur um Einzelne und auch nicht nur um moralisch Fragwürdiges, sondern um grundsätzliche Lehrfragen zu Schöpfung und Erlösung – mit weitreichenden Folgen!

Alles steht und fällt damit, ob und wie man Christus und somit Gott dient. Gottesdienst bedeutet in diesem Zusammenhang nämlich, (wie Jesus) das ganze – also auch das körperliche – Leben als Opfer darzubringen und von Gott – statt von dieser Welt – umgewandelt zu werden (s. Röm 12,1-2). Wer also Frömmigkeit für eine Angelegenheit hält, die rein innerlich bleibt, bedarf einer ganz prinzipiellen Korrektur – gerade weil auch das ein Ausdruck von rettender Liebe (und nicht etwa von Liebesentzug) ist. Wo besteht bei DIR tendenziell die Gefahr, dass du den richtigen Weg verfehlst? Eher (1) durch falsch verstandenen Verzicht oder (2) durch falsch gedeutete Freiheit? Ich bete, dass du gerade jetzt vom Heiligen Geist die Gabe der Unterscheidung empfangen darfst!

Online-Ressourcen zu den Timotheusbriefen

Auf bibelwissenschaft.de findet man zu Brief 1 und Brief 2 jeweils hilfreiche Überblicke. Das Bibel Projekt bietet auf Youtube ebenfalls Zusammenfassungen, die grafisch besonders nett aufbereitet sind – hier die Links zu 1. Timotheus und 2. Timotheus (jeweils unter 10 min). Und von Worthaus gibt es einen spannenden Videovortrag darüber, wie es in den ersten 100 Jahren nach der Zeit des Neuen Testaments mit dem Streit über Richtig und Falsch weiterging (92 min):

Dies war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf Bibel-Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich fahre inzwischen mit Etappe 8 fort und werde so demnächst einen kurzen Artikel zum Hebräerbrief schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zu den Timotheusbriefen würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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