Erwartung: 5 (Nicht-)Erfüllungen im Matthäusevangelium

Mein erster Blogartikel zum Evangelisten Matthäus thematisierte den Zugang zur tieferen Erkenntnis. Dieser wird oft versperrt – durch andere Menschen, aber auch durch eigene Vorstellungen. Man hat sich vielleicht mental auf genau eine bestimmte Sache eingestellt, so dass man gedanklich gar nicht mehr so flexibel und offen ist. Beim Neuen Testament ist dieses Problem natürlich schon im Namen vorprogrammiert, weil bis dahin ja das Alte galt. Ja – obwohl man auf ‚das Neue‘ schon im Alten Testament vorbereitet wird, kommt es mit Jesus doch sehr unerwartet daher. Durch diesen erscheint allerdings rückblickend so manche alttestamentliche Stelle in einem neuen Licht. Folgende fünf Beispiele zeigen, wo man die Prophetie vergangener Jahrhunderte dann doch als nun erfüllt betrachtet hat.

1. Nazareth und Kapernaum?!

Mt 4,12-16 berichtet, wo Jesus wohnte – nämlich ganz im Norden (von Jerusalem/Judäa aus gesehen): Das Gebiet wurde Galiläa genannt (Vers 12) und dort befand sich auch „Kapernaum am See Genezareth“ (V. 13). Jesus zog offenbar in diese Siedlung für eine neue Bleibe, statt im Hotel Mama in Nazareth weiterzuleben. Allerdings machte das keinen Unterschied für die Frage, woher der im Alten Testament prophezeite Messias/Christus kommen würde. Für den Süden als Zentrum des Judentums war klar: Unser Gott wird seine Königsherrschaft mit ‚einem von hier‘ letztgültig durchzusetzen! Ein Kandidat von weiter nördlich war undenkbar.

Galiläa war mal Teil des von Samaria aus regierten Nordreiches, wo es unter Königen wie Ahab zu einem religiösen Durcheinander kam. Diesem begegnete auch Jesus immer noch in seinem Alltag: Er war zwar selbst ein reiner Jude, aber trotzdem Teil einer Gegend mit einer Mischung aus allerlei Ethnien und Kulten. In der Hinsicht war er also in keiner guten Startposition – es sei denn, man hätte da vielleicht etwas bei den Propheten übersehen. Und tatsächlich folgt in diesem Zusammenhang nun ein solches Zitat (V. 14-16): Das Buch Jesaja erwähnt „das Galiläa der heidnischen Völker“ nämlich auch schon und spricht unmittelbar danach von einem hell aufstrahlenden Licht. Licht für die Völker – das war also schon immer der Plan und nun hat das einen Namen bekommen: Jesus!

2. Besessene frei und Kranke geheilt?!

Mt 8,14-17 erzählt von machtvollen Wundertaten: Das Fieber der Schwiegermutter von Petrus verschwand, indem Jesus einfach ihre Hand ergriff (Verse 14-15). „Er brauchte nur ein Wort zu sagen“ (V. 16) – die Menschen wurden frei von Dämonen und Krankheiten. Das Befreiende an Jesus und seinem Wirken war also unverkennbar. Die Frage war nur, ob er auch wirklich der messianische Befreier war, wie ihn die alttestamentlichen Propheten beschrieben hatten. Von Wunderheilungen war da bisher doch gar nie die Rede! Bei so einer umfangreichen Schrift wie dem Jesajabuch könnte man sich allerdings noch einmal auf die Suche machen.

Es gibt da eine Reihe von Texten, die von einem Diener Gottes handeln – und daraus folgt nun ein Zitat (V. 17): Inhalt sind „unsere Leiden“ und „unsere Krankheiten“ – getragen, auf sich genommen (von Gottes Diener). Hier kann also einer die Leidenden befreien, weil er selbst leidensbereit ist. Er selbst scheut das Risiko nicht, krank zu werden, und heilt so die Kranken. Diese geheimnisvollen Worte ergeben nun Sinn – sie beschreiben Jesus! Und dessen Heilungen von Krankheit sowie Befreiungen von Besessenheit werden so zu zeichenhaften Verweisen auf das Problem, das Jesus dann mit dem Kreuz auf sich nehmen und wegtragen wird – nämlich die Sünde.

3. Weggehen und kein Aufsehen erregen?!

Mt 12,15-21 folgt auf eine Auseinandersetzung über den Sabbat in einer Synagoge: Jesus ging weg von dort und heilte viele Menschen, die ihm gefolgt waren (Vers 15). An diese wiederum hatte er eine Bitte – nämlich „kein Aufsehen um ihn zu erregen“ (V. 16). Jesus hat sich also scheinbar nicht als Messias verstanden. Sonst hätte er doch erkannt, dass er jetzt das Momentum nutzen sollte: Bleiben, maximales Aufsehen – und dann schnell nach Jerusalem, Gottes Königreich mit Wucht, Freiheit jetzt! Aber wieder könnte im Jesajabuch ein nochmaliges Durchkämmen nicht schaden.

Aus den Gottesdiener-Texten folgt noch einmal ein Zitat – diesmal ein längeres (V. 17-21): Der Diener wird Gottes Recht den Völkern verkünden und diese werden auf ihn ihre Hoffnung setzen. „Er kämpft und streitet nicht; er lässt seine Stimme nicht durch die Straßen der Stadt hallen. Das geknickte Schilfrohr wird er nicht abbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ Hier wird also ein (Anti-)Superheld charakterisiert, der nicht ein Mann fürs Grobe oder Laute ist – und einmal mehr werden Worte aus einer vergangenen Zeit plötzlich zu einer treffenden Beschreibung von Jesus!

4. Auf Eselin und Fohlen?!

Mt 21,1-11 handelt davon, wie Jesus in Jerusalem einzieht: Zuerst werden zwei Jünger beauftragt, am Ortseingang eine Eselin mit Fohlen loszubinden – und es ggf. damit zu begründen, dass diese vom Herrn gebraucht würden (Verse 1-3). Dies wird ausgeführt, dann werden Mäntel auf die Tiere gelegt und Jesus kann sich setzen (V. 6-7). Kleider werden auch auf dem Weg ausgebreitet sowie Zweige – und die Menschen loben sowohl Gott als auch den Sohn Davids, der im Auftrag des Herrn kommt (V. 8-9). Dabei wird die Frage, wer dieser Mann sei, mit „Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa“ beantwortet (V. 10-11). Letzteres – Jesus als Prophet – würde ja noch gehen! Aber Jesus als Sohn Davids – das ist doch lächerlich! Ein neuer König David käme doch ganz anders daher – z.B. stolz auf einem Pferd.

Schon auf den Auftrag an die beiden Jünger folgt ein Prophetenzitat (V. 4-5): „Euer König kommt zu euch.“ Dieser Satz steht einerseits wieder im Buch Jesaja, wo er den Menschen auf dem Berg Zion gesagt werden soll. Der Satz steht andererseits aber auch im Buch Sacharja, wo noch eine Zusatzinformation folgt – dass nämlich der König auf dem Fohlen einer Eselin reitet! Beides wird hier zu einem Mischzitat verschmolzen: Vom ‚jesajanischen‘ Wortlaut geht es nahtlos über zum ’sacharjanischen‘ inkl. Esel. Und so schildern gleich zwei Propheten eine Situation, die bei Jesus genau der Fall ist!

5. Zu Unrecht verraten und verurteilt?!

Mt 27,3-10 befindet sich direkt vor dem Todesurteil, das über Jesus ausgesprochen wird: Der Jünger Judas hat seinen Meister für 30 Silbermünzen an die obersten Priester verraten, bekennt nun aber sein „Unrecht“ an einem „Unschuldigen“ (Verse 3-4). Darauf wirft er das Geld in den Tempel, läuft fort und erhängt sich (V. 5). Die Priester nehmen die Münzen zurück, kaufen mit dem Geld eine Tongrube und machen daraus den „Blutacker“ – einen Friedhof für die Fremden (V. 6-8). Wenn nun Jesus der davidische Christus sein soll, dann macht er irgendetwas falsch: Er sollte doch derjenige sein, der seinen Feinden den Tod bringt und nicht sich selbst (oder einem seiner Anhänger)!

Ein letztes Mal folgt ein Zitat, wobei diesmal der Prophet Jeremia als Quelle genannt wird (V. 9-10): „Sie nahmen die 30 Silberstücke – so viel war er dem Volk Israel wert – und kauften das Land von den Töpfern…“ – wieder ein Mischzitat! Nur den Ackerkauf kann das Buch Jeremia vorweisen – sowie die Silberstücke- und Töpfererwähnung. Letztere finden sich aber auch noch bei einem weiteren Propheten – nämlich wieder im Buch Sacharja! Dort stimmt dann auch die Zahl 30 und dort geht es auch wirklich darum, was der Herr seinem Volk wert ist. Noch einmal sind es also zwei Propheten gleichzeitig, durch welche der Kauf einer Tongrube mit Silberstücken zu einem wichtigen Zeichen wird: Es ist kein Unfall, dass Jesus verraten wird! Es war so prophezeit, dass der Christus seinem Volk wenig wert sein würde!

Sollte es mich etwa überzeugen, wenn so unseriös zitiert wird?

Matthäus schert sich tatsächlich kaum darum, was akademisch Gebildeten wichtig wäre. Er nennt Jeremia, verschweigt aber Sacharja. Er löst Worte aus dem Buch Jesaja und ihrem jeweiligen Zusammenhang, um sie mit Jesus zu verbinden – ohne andere historische Bezugsmöglichkeiten zu diskutieren. Allerdings will sein Werk ja auch keine wissenschaftliche Arbeit über Schriftprophetie sein, sondern Evangelium – gute, frohe, „rettende Botschaft“ von Gottes Reich (s. Mt 4,23; 9,35; 24,14). Durch den Beginn des Christus-Reiches ist nichts Geringeres als ein komplettes Umarrangieren der Geschichte nötig geworden – ähnlich wie durch einen Sensationsfund, der nach langer Forschungszeit plötzlich alles auf den Kopf stellt!

Möchte wohl Gott heute noch Erwartungen, die auch DU hast, anders erfüllen? Vielleicht (1) wirkt er gerade seltener in den USA und allen verbündeten Demokratien, sondern häufiger in anderen Teilen der Welt. Vielleicht (2) will er Menschen gerade weniger aus der Macht von Wladimir Putin befreien, sondern mehr unter Einzelnen mit seiner Heilung ansetzen. Vielleicht (3) ist es ihm gerade wichtiger, am gerechtesten erlebbar statt am lautesten hörbar zu sein. Vielleicht (4) geht es ihm gerade stärker um sein einfaches Kommen und nicht so sehr um ein besonders stolzes. Vielleicht (5) prüft er so gerade, was er dir und mir wert ist. Bei aller geforderten Flexibilität möchte ich dich also einladen, folgenden Liedtext zu verinnerlichen: I’ve counted up the cost – and You are worth it! (Ich habe die Kosten überschlagen – und Du bist es wert!)

Youtube-Favoriten zum Matthäusevangelium

Bei Sommers Weltliteratur to go findet man zwar nicht unbedingt Ernsthaftigkeit, aber doch immerhin eine lustig mit Playmobil-Figuren inszenierte Kurzversion des Evangeliums (unter 13 min). Demgegenüber gibt es auf dem Kanal vom Projekt Worthaus einen ausführlichen Einführungsvortrag zu Matthäus (67 min):

Das war ein Blogartikel im Rahmen meines eigenen Projektes 8etappen.net und ich hoffe, er hat Lust darauf gemacht, auch selbständig auf biblische Entdeckungsreise zu gehen! Fange doch auch mit Etappe 1 an und folge mir in deinem eigenen Tempo! Ich selbst lese die Bibel gerade nach meinem Vertiefungsleseplan In 5 Etappen durch die Bibel und werde so in ein paar Wochen einen kurzen Artikel zum Buch Levitikus schreiben sowie hier veröffentlichen. Deine Bemerkungen zum Matthäusevangelium würden mich übrigens auch sehr interessieren – Kommentieren ist also höchst erwünscht!!

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