Was steht in der Bibel? – Antwort 1 von 4

Erste These: In der Bibel gibt es beharrlichen Protest, weil es beharrlich ungeschützte und irregeleitete Menschen gibt.

Programmatische Werte mit Zukunft

Die politisch Konservativen oder Liberalen beschweren sich immer mal wieder, wenn soziale (und ökologische) Positionen kirchliche Unterstützung erhalten. Und tatsächlich wäre es nicht das erste Mal, dass die Kirche mehrheitlich einem bestimmten Partei(en)-Milieu nahesteht und die Bibel nur noch durch eine entsprechend eingefärbte Brille liest. Trotzdem gibt es Programme, die ich mit 99 Prozent objektiver Klarheit biblisch bewerten kann: In der Regel werde ich nicht den Verwirrenden, den Besorgten, den Aggressiven folgen. Grundsätzlich werde ich meine Stimme den wirklich Hilflosen geben, damit man deren Klage oder Notruf noch mehr hört.

Wie mit den Schwachen umgegangen wird, spielt auch bei der Bewertung der ersten beiden Könige Israels eine Rolle: Das Königtum von Menschen über andere wird zwar ohne Unterschied als etwas an sich Negatives kritisiert – nämlich als etwas, wodurch das Kriegswesen und die Sklaverei gefördert wird. Das Besondere an Davids Regierung war aber, dass sie immerhin auch klar positive Seiten hatte – nämlich die Durchsetzung des Rechts und die Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft. Recht sowie Freiheit und Einigkeit sind übrigens Güter, die bis auf den Israeliten Mose zurückgehen und darum nicht erst von der deutschen Nationalhymne oder überhaupt von jemandem in der Neuzeit entdeckt worden sind! Für die Entwicklung unserer heutigen Demokratie – im Sinne der Rücksichtnahme auf mehr Interessen als nur auf diejenigen der Eliten – sollte die Bedeutung der israelitischen Antike also (auch gegenüber der griechischen) mehr gewürdigt werden.

Gesellschaftskritik wird in der Bibel oft mit bildhaften Vergleichen geübt – z.B. aus der Welt der ländlichen Versorgung: Weideland wird zum Symbol für ein friedliches und fruchtbares Israel, in welchem ein wirklich göttlicher Hirte seinen Schafen mehr Sicherheit bringt als die allzu menschlichen Könige. Ein Acker wird zum Zeichen für einen neuen Bund – kurz vor der endgültigen Eroberung Jerusalems durch das babylonische Heer, als alle das bis dahin belebte Land bereits als zukunftslose Wüste abgeschrieben haben. Doch wer und was wird diese Prophezeiungen vom göttlichen Hirten und vom neuen Bund erfüllen?

Gegen Einschüchterung und Versklavung

Durch Jesus und seine Bewegung sind die Erwartungen erst einmal enttäuscht worden: Er hat alle schockiert – als unfähiges, emotional instabiles Problemkind und dann auch noch als Zombie! Aber genau so hat er das biblische Protestieren gegen einschüchternde Systemzwänge vollendet. Bei Bedarf einer Rückenstärkung erweist sich Jesus bis heute immer wieder als die mächtige Stimme von hinten, die „Hab keine Angst!“ sagt. Egal ob vor mir also ein hohes Tier steht oder irgendeine tödliche Bedrohung – ich kann davon unbeirrt und unerschrocken für eine Systemüberwindung eintreten.

Wichtig ist, dass es hier nicht um einen Kampf gegen Menschen mit menschlichen Waffen geht. Gemeint ist vielmehr geistlicher Widerstand – gegen den Teufel mit der Ausrüstung Gottes! Nichtsdestotrotz war das für den Juden Paulus, der viele nichtjüdische Menschen in die Jesus-Bewegung integrierte, etwas sehr Konkretes: Teuflisch und entsprechend alarmierend war für ihn, wenn man ins alte Leben nach dem jüdischen Gesetz zurückruderte. Sein ganzes Herzblut galt ja jetzt dem neuen Bund durch (den übrigens ebenfalls jüdischen) Christus. Überholt war damit für Paulus in letzter Konsequenz auch die antike Unterscheidung zwischen versklavten und freien Menschen. Er kämpfte zwar nicht direkt-kurzfristig gegen die Sklaverei, aber dem Bösen dahinter entzog gerade auch er umso nachhaltiger die Grundlage – nämlich als Mitbegründer einer internationalen Familie mit der Mission, Gutes zu erkennen und zu tun.

Gegen falsche Korrektheit und Höflichkeit

Die Bibel beinhaltet auch Formen des Protests, die einfach gut für die Seelenhygiene sind: Gegen die erfahrene Fremdbestimmung half manchmal nichts so sehr wie der Humor, mit dem man einen herablassenden König in seiner ganzen Peinlichkeit vorführen konnte. Beeindruckend ist aber auch die Direktheit, mit der die Traumatisierten ihren Gott als kaltblütigen Mörder anschrien. All diese Facetten haben ihren Platz und nicht nur das, was stets korrekt ist. Wie unehrlich fromm klingen im Kontrast dazu doch oft Menschen, die eigentlich gerade besonders biblisch sein wollen!

Ziemlich verstörend sind die dreckigen Gewaltphantasien in der Abrechnung mit der „Blutstadt“ Ninive. Aber auch wir im 21. Jahrhundert kennen solche ausbeutende Vampir-Zentren, wo sich Macht und Reichtum konzentrieren. Sollte man wirklich (und kann man überhaupt) als Zwerg gegenüber so rücksichtslosen Riesen höflich bleiben? Damals verschaffte man der eigenen Empörung zu Recht ordentlich Luft – auch im Nachbarschaftsstreit mit dem kleineren Eindringling Edom. Wer die Bibel also bisher für eine Anleitung zum Herunterschlucken gehalten hat, sollte dieses Urteil revidieren.

Sowohl warnend als auch hoffend

Viele Dinge änderten sich durch Jesus, aber nicht die Schärfe des Tonfalls! Es konnte z.B. zu einer heftigen Verbalattacke führen, wenn man Engel geringschätzte und nur etwas vom Irdischen verstand. Man findet eine vorausschauende Ankündigung, dass der verlorene Durchblick sehr schlimme Konsequenzen hat – je nachdem aber auch nicht. Ein Spannungsfeld wird beschrieben, weil die endzeitliche Rettung noch nicht vollständig gekommen ist – teilweise aber schon jetzt. Bekanntlich kann man ja immer auf zwei Seiten vom Pferd fallen und in die Irre geführt werden. Die biblischen Warnungen vor Fehlentwicklungen in jeweils beide Richtungen klingen darum entsprechend ernst.

In der Bibel wird also nicht nur so als Phänomen am Rand auch mal protestiert, sondern als eine der Konstanten im Zentrum. Seit Mose wird immer wieder der vorherrschenden eine alternative Kultur entgegengesetzt! Immer wieder neu wird diese befeuert – z.B. durch eine Liedkomposition darüber, dass man von einem sich erbarmenden Gott gehört hat. Immer wieder neu erklärt man den Status Quo für gestrig und vergegenwärtigt stattdessen schon mal das zukünftige Jauchzen und Jubeln, weil der biblische Gott über alle Feinde gesiegt hat und selbst als König regiert. Erwartet wird auch immer wieder dessen edelmütiger Superheld – ein neuer David, der wie ein guter Hirte seine Schafe schützt und leitet. Für Paulus und viele andere Menschen haben all die Hoffnungen auf ewig ein Gesicht sowie einen Namen bekommen: Jesus!

Erstes Fazit: Man kann ganz viele Zusammenhänge damit erklären, dass die Bibel ein Konzentrat von beharrlichem Protest ist. Nur etwas bleibt unerklärlich: Warum sind viele Menschen, die sich für biblisch orientiert halten, so duckmäuserisch und leisetreterisch?

Thematisch relevante Links 

Auf dem Youtube-Kanal von Worthaus gibt es spannende Porträts über Protestanten, die den Eignungstest für eine solche Bezeichnung in der ersten bzw. zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirklich bestanden haben. Man findet da einen Vortrag über Karl Barth und dessen Verständnis vom Wort Gottes (79 min), mit dem er sich gegen die Nazis stellte. Über Dietrich Bonhoeffer und seine im Widerstand gegen Hitler entwickelte Theologie gibt es gleich zwei Videos – einmal zum Stichwort Verantwortung (63 min) und einmal zum Stichwort Mündigkeit (82 min). Und über Jürgen Moltmann und seine Hoffnung für die Leidenden erfährt man mehr im folgenden Referat (76 min):

Mit meiner zweiten Antwort auf die Frage „Was steht in der Bibel?“ geht es nächsten Monat weiter. Meine Einladung an DICH, im Rahmen meines Projektes 8etappen.net selbst bei Etappe 1 anzufangen und mir durch die Bibel zu folgen, bleibt natürlich bestehen. So findest du nämlich gleich aus erster Hand heraus, was wirklich „biblisch“ ist. Ansonsten kannst du natürlich auch erst einmal meine Antwort(en) auf diese Frage lesen. Vielleicht regt dich das ja dann an, selbst nachzuforschen.

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